zwei Personen beim Brainstorming
littlewolf1989 / stock.adobe.com
01.07.2026 VDE dialog

Technologische Souveränität: Innovationsfähigkeit ist kein Zufall

Die Innovationsspitze in Deutschland schrumpft, während komplexe Technologien wichtiger werden. Wer technologische Souveränität sichern will, muss deshalb nicht nur Spitzenforschung fördern, sondern mehr Unternehmen zu Innovation befähigen, sagt Armando García Schmidt von der Bertelsmann Stiftung.

Technologische Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu produzieren, sondern bei zentralen Technologien handlungsfähig zu bleiben: sie zu verstehen, anzuwenden, weiterzuentwickeln und in neue Produkte, Verfahren und Geschäftsmodelle zu übersetzen. Diese Fähigkeiten werden maßgeblich darüber bestimmen, ob Deutschland seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit in die kommende Ära überführen kann.

Unsere Studie „Innovative Milieus 2026“ muss in diesem Zusammenhang als Warnsignal verstanden werden. Die innovationsstarke Avantgarde der Unternehmenslandschaft wird immer kleiner. 2019 gehörte noch rund ein Viertel der Unternehmen zu den besonders innovationsstarken Milieus; 2026 sind es nur noch 13 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der innovationsfernen Unternehmen auf knapp 40 Prozent gestiegen. Die Innovationsbasis schrumpft ganz konkret in den Unternehmen, die eigentlich neue Ideen entwickeln, erproben und skalieren müssten.

Porträtfoto von Armando García Schmidt

Armando García Schmidt ist Senior Expert im Programm Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft der Bertelsmann Stiftung und verantwortlich für die Studie „Innovative Milieus 2026“.

| Andrea Rohden

Dazu entwickelt sich eine technologische Zweiklassengesellschaft. Nur 31 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass ihr Portfolio oder Geschäftsmodell auf mindestens einer Deep- oder Green-Tech-Technologie basiert. Bei den (wenigen) Technologieführern sind es hingegen 53 Prozent.

Daraus folgen drei Aufgaben. Erstens muss Innovationspolitik die Breite ernst nehmen. Die Hightech-Agenda Deutschland darf nicht nur auf Leuchttürme setzen, so wichtig Spitzenforschung ist. Sie muss auch dafür sorgen, dass kleine und mittlere Unternehmen Zugang zu technologischer Expertise, Testumgebungen, Daten, Standards und Fachkräften bekommen.

Zweitens müssen Schlüsseltechnologien schneller in die Anwendung kommen. Gerade weil digitale Technologien bereits in vielen Unternehmen genutzt werden, können sie zum Einstieg in anspruchsvollere Innovationen werden – etwa bei industrieller KI, vernetzten Systemen, Energieeffizienz oder Kreislaufwirtschaft. Dafür braucht es praxistaugliche Förderinstrumente, niedrigschwellige Experimentierräume und mehr Unterstützung beim Aufbau technologischer Kompetenzen.

Drittens braucht Deutschland Nachfrage nach neuen Lösungen. Öffentliche Beschaffung, Reallabore und Leitmärkte können Innovation beschleunigen, wenn sie konsequent auf digitale und nachhaltige Technologien ausgerichtet werden. Wer Souveränität will, muss innovativen Lösungen einen ersten Markt geben.

Die gute Nachricht lautet: Innovationsfähigkeit ist kein Zufall. Auch Unternehmen, die nicht zur Spitze gehören, können ihren Innovationserfolg steigern, wenn sie Strategie, Kompetenzen und Vernetzung stärken. Die Spitze muss stark bleiben, aber die Breite muss dichter an sie heranrücken. Nur dann wird aus technologischer Exzellenz technologische Souveränität.

Kontakt
VDE dialog - Das Technologie-Magazin