Buchholz-Interview-Aufmacher
Hans-Jürgen Schmitz, Martin Wolczyk / Adobe Firefly (Composing)
01.01.2024 VDE dialog

TOP 1: Energiewende

Vor 50 Jahren wurde die VDE ETG gegründet, als Reaktion auf den Ölpreisschock. Mit Blick auf die Klimaerwärmung und den Krieg in der Ukraine sind die Herausforderungen seitdem nicht geringer geworden – so die Vorsitzende Dr. Britta Buchholz.

VDE dialog: Was ist die ETG?

Dr. Britta Buchholz: Die ETG ist die Energietechnische Gesellschaft im VDE. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft setzen wir uns für ein nachhaltiges, klimaneutrales, effizientes, wirtschaftliches und sicheres Energiesystem ein. Dieses Thema beleuchten wir von allen Seiten: von der Erzeuger-, Speicher- und Verbraucherseite und auch aus Perspektive der Netzbetreiber. Außerdem betrachten wir Anwendungen, zum Beispiel in den Bereichen Maschinen und Mobilität. Daneben bearbeiten wir Querschnittsthemen wie Leistungselektronik, Materialien und Schaltverhalten im Energiesystem. Hinzu kommen zunehmend Themen, die über unsere eigentliche Spezialisierung auf elektrische Energiesysteme hinausgehen. Ich denke da zum Beispiel an die Wasserstoffthematik, an Multi-Energie-Systeme oder Ähnliches.

Wann und warum wurde die Fachgesellschaft gegründet?

Die ETG wurde vor 50 Jahren insbesondere für den Wissensaustausch von Expertinnen und Experten in der Energietechnik gegründet. 1973 hatten wir eine Energiekrise, der sogenannte Ölpreisschock. Er zeigte deutlich die Abhängigkeit der Industriestaaten von fossiler Energie und damit eben auch die Abhängigkeit von bestimmten Ländern. Die Frage war damals wie heute, wie man angesichts solcher Bedrohungen eine sichere und resiliente Energieversorgung gewährleisten kann. Heute sind wir konfrontiert mit Kriegen und mit der Bedrohung durch die Erderwärmung.

Es geht bei Ihnen also vor allem auch um die Energiewende?

Zum Gelingen der Energiewende beizutragen, steht natürlich ganz oben auf unserer Agenda. Dabei geht es uns weniger um die Erarbeitung von Standards und Normen oder die konkrete Umsetzung. Dafür gibt es im VDE andere Bereiche, wie die DKE, FNN oder auch die VDE Renewables. Uns geht es als wissenschaftliche Fachgesellschaft eher darum, diese Transformation, die wir alle wollen, positiv-kritisch zu begleiten. Wir versuchen, möglichst früh zu erkennen, welche Herausforderungen und Chancen auf uns zukommen, um dann entsprechende Handlungsempfehlungen geben zu können. Für die kommenden Jahre sehen wir die Themen der Multi-Energiesysteme als wichtige Herausforderung. Ebenso die Digitalisierung – und hier besonders die Rolle der Künstlichen Intelligenz fürs Energiesystem. Insgesamt wird auch Nachhaltigkeit im Energiesystem eine immer wichtigere Rolle spielen. Das Thema bringt natürlich eine gewisse Komplexität mit sich. Insofern sind unsere aktuellen Studien an Fachleute gerichtet. Der aktuelle Vorstand hat sich zum Ziel gesetzt, auf dieser soliden Basis der Studien unsere Botschaften so zu formulieren, dass sie nicht nur von Fachleuten verstanden werden, sondern auch von Politik und Gesellschaft.

Dr. Britta Buchholz im Videointerview

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VDE
18.12.2023 Video

»Bei uns arbeiten Top-Expertinnen und Experten zusammen mit jungen Leuten, die an der Uni sind oder gerade ihren Abschluss haben.«

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Gelingt es Ihnen denn, sich dort ausreichend Gehör zu verschaffen?

Ja, wir leisten einen Beitrag dazu, frühzeitig für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Zum Beispiel dafür, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien auch einen Ausbau der Energienetze und Speicher erfordert. Allerdings wird der nötige Rahmen in Deutschland einfach viel zu langsam geschaffen. Da muss man sehr viel Geduld haben! Es ist manchmal sehr ärgerlich, wenn Gesetze verabschiedet werden, die technisch einfach nicht in die Praxis umsetzbar sind. Oder wenn technische Expertise ignoriert wird und vorhandene technische Lösungen deshalb über viele Jahre nicht eingesetzt werden. Mir fällt sofort die Digitalisierung unserer Energieinfrastruktur und der Genehmigungsverfahren ein. Hier liegen wir noch weit zurück. Wir müssen uns beeilen!

Inwieweit ist hier der Fachkräftemangel ein limitierender Faktor?

Der Fachkräftemangel ist in der Tat eine große Herausforderung. Wir brauchen und wir wollen die Energiewende. Ohne genügend Ingenieurinnen und Ingenieure, ohne Technikerinnen und Techniker, die mit uns diese gewaltige Transformation anpacken, wird sie aber nicht gelingen. Deshalb müssen wir dringend etwas gegen den weiteren Rückgang der Studierendenzahlen im Ingenieursbereich unternehmen. Der ETG Vorstand hat sich vorgenommen, einen Fokus auf die Ausbildung junger Leute für Energietechnik zu legen, um sie für Technik zu begeistern.

Wie hat man sich die Arbeit in der ETG vorzustellen?

Die ETG ist in acht Fachbereiche unterteilt, die die gesamte Bandbreite der elektrischen Energietechnik abbilden: Energieversorgung, Anwendung elektrischer Energie und Querschnittstechnologien. Zu Beginn unserer Amtsperiode haben wir als Vorstand und Fachbereichsleitungen eine Strategie mit fünf Fokusthemen für die nächsten drei Jahre erarbeitet.

  1. wollen wir uns um Ausbildung von Nachwuchs für die Energietransformation kümmern.
  2. werden wir die Entwicklung hin zu einem Multi-Energiesystem beleuchten.
  3. nehmen wir das Thema Nachhaltigkeit des Energiesystems in den Fokus.
  4. wird Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen, und hier besonders die Rolle der Künstlichen Intelligenz für das Energiesystem. Und...
  5. wollen wir verstärkt in Politik und Gesellschaft wirken.

Diese und weitere Themen werden in den Fachtagungen der Fachbereiche und auch beim ETG Kongress 2025 diskutiert. Darüber hinaus werden weitere Taskforces oder Arbeitsgruppen gebildet. Alle VDE ETG Mitglieder haben die Möglichkeit, aktiv in den Fachbereichen und Taskforces mitzuwirken und sich einzubringen – derzeit sind es rund 300 ehrenamtliche aktive Expertinnen und Experten. So vernetzen wir nicht nur Energiewirtschaft, Industrie und Wissenschaft miteinander, sondern auch Generationen: Bei uns arbeiten erfahrene Top-Expertinnen und -Experten zusammen mit jungen Leuten, die noch an der Uni sind oder gerade ihren Abschluss in der Tasche haben. Für junge Leute kann die Mitarbeit in einer Fachgesellschaft ein Sprungbrett für ihre Karriere sein. Es entstehen oft auch langjährige Freundschaften durch die gemeinsamen Aktivitäten.

Was bedeutet die Zugehörigkeit zum VDE für die ETG?

Wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die ETG profitieren enorm vom VDE – und umgekehrt. Das ist eine Win-win-Situation. So ist der VDE als Dachverband eine starke Marke mit einem sehr guten Ruf. Und das eben nicht nur hier in Deutschland, sondern auch international. Außerdem bietet uns der VDE einen professionellen Überbau zum Beispiel für Kontakte in die Politik oder für die Organisation von Tagungen und ist regional in den Bezirksvereinen stark vertreten. Das ist für uns als wissenschaftliche Fachgesellschaft, die ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen wird, natürlich von unschätzbarem Wert. Der Austausch mit anderen Bereichen im VDE ist ebenfalls sehr wichtig für uns. Auf der anderen Seite hat der VDE mit uns und den anderen wissenschaftlichen Fachgesellschaften ein geballtes Wissen unter seinem Dach versammelt. Das ist im internationalen Vergleich hervorragend.

Der VDE spricht von der „e-dialen Zukunft“. Welchen Beitrag leistet dafür die ETG?

Wir sind das „e“ in der e-dialen Zukunft. Der Dreh- und Angelpunkt der zukünftigen Energieversorgung wird elektrisch sein. Elektrische Energie wird wo immer möglich eingesetzt werden! Egal ob es sich nun um private Nutzerinnen und Nutzer handelt oder um Industrieprozesse, Kommunikation, Transport, Verkehr oder um Wärme. Wir reden weltweit vom Faktor drei bis vier für den Ausbau von Erzeugung elektrischer Energie und Netzen bis zum Jahr 2050. Deshalb wird die Bedeutung der Energietechnischen Gesellschaft im VDE in Zukunft noch weiter zunehmen. Es bleibt spannend!

Die Fragen stellte Martin Schmitz-Kuhl.


Dr. Britta Buchholz ist Vice President Active Distribution Grids bei Hitachi Energy und seit 2023 Vorsitzende von VDE ETG.

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