Max Gulde

Porträtfoto von Max Gulde, Geschäftsführer von ConstellR

| Alex Dietrich 2021
01.10.2022 Publikation

"Die eigene Idee zu einer Vision weiterentwickeln"

Die Freiburger Firma ConstellR nutzt Satellitensysteme, welche den Trockenstress von Pflanzen messen. Bevor sie es mit ihrer Technik an Bord der ISS schafften, mussten die Gründer sich durch etliche Instanzen der Forschungsförderung arbeiten. Im Interview erzählt ConstellR-Geschäftsführer Max Gulde von seinem Weg zum eigenen Unternehmen und wie ein Existenzgründer-Programm seiner Idee den entscheidenden Anschub gab.

Von Tim Schröder

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Ihre Firma ConstellR entwickelt Satelliten mit Spezialkameras, die erkennen, ob es Pflanzen an Wasser mangelt. Worum geht es dabei genau?

Max Gulde: Letztlich geht es darum, zu verhindern, dass Nahrungspflanzen auf den großen landwirtschaftlichen Flächen weltweit unter Hitzestress geraten. Denn dann stecken Pflanzen weniger Energie in die Produktion der Früchte. Die Ernte fällt geringer aus. Es gibt bereits seit den 1970er-Jahren Satelliten, die erkennen, wann Pflanzen welken. Messbar ist das an einer Veränderung der Grüntöne, weil beim Welken der grüne Pflanzenfarbstoff Chlorophyll abgebaut wird. Doch dann ist es schon zu spät. Unser Verfahren hingegen bemerkt Hitzestress bereits nach wenigen Stunden. Ist es trocken, verdunsten Pflanzen weniger Wasser. Dadurch steigt die Temperatur an den Blättern der Pflanzen langsam an. Unsere Satellitentechnik ist in der Lage, Temperaturveränderungen von wenigen Zehntel Grad Celsius wahrzunehmen. Landwirte können dann die trockenen Bereiche der Äcker bewässern. Das hilft nicht nur den Pflanzen, sondern spart auch Wasser, weil man gezielter bewässern kann.

Sie haben ConstellR vor rund zwei Jahren gegründet. Wo stehen Sie jetzt?

Gulde: Das erste Kamerasystem ist bereits im All. Es befindet sich an Bord der Internationalen Raumstation ISS. In den kommenden drei Jahren werden wir fünf Satelliten fertigstellen, die mit unserem Kamerasystem ausgerüstet sind. Sie sind in etwa so groß wie eine Tiefkühltruhe und rund 80 Kilo schwer. Wir werden sie vermutlich mit Space-X-Raketen transportieren. Inzwischen arbeiten wir mit einigen der zehn größten Agrarunternehmen weltweit und auch mit kleineren Firmen zusammen, die großes Interesse an den Satellitendaten haben. 

War all das abzusehen, als Sie sich vor wenigen Jahren entschieden, eine Firma zu gründen?

Gulde: Zunächst waren mein Mitgründer Marius Bierdel und ich ganz unbedarft an die Sache herangegangen. Wir arbeiteten damals am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, dem Ernst-Mach-Institut EMI in Freiburg, in der Abteilung Systemlösungen. Irgendwann sagten uns Kollegen von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, dass unsere Technologie ein echter Durchbruch sei. Das Problem der Temperaturmessung von kleinen Satelliten aus hatte vor uns niemand so präzise lösen können. Doch der Anfang war schwierig. Wir haben mehr als zehn Anträge für öffentliche Fördermittel gestellt, die zunächst alle abgelehnt wurden – vom Bundesforschungsministerium oder auch vom Horizon-Förderprogramm der Europäischen Union. Erst später haben wir verstanden: Eine Satellitenmission ist so teuer und der Erfolg so ungewiss, dass unsere Arbeit zunächst ein Hochrisikoprojekt war. Dieses Profil passte einfach nicht zu den üblichen Projekt-Förderprogrammen.

Dennoch wurde Ihre Arbeit ein Erfolg.

Gulde: Das stimmt. Im Jahr 2017 haben wir uns für den europäischen Ideenwettbewerb Copernicus Masters beworben. Die Aufgabe bestand darin, den "kleinsten Satelliten mit dem größten gesellschaftlichen Nutzen" zu konzipieren. Damals dachten wir an einen Satelliten, der die Hitze in den Straßenschluchten von Großstädten misst oder eine Frühwarnung für Waldbrände ausgibt. Zwar gewannen wir die Ausschreibung nicht, aber wir wurden in ein Existenzgründer-Programm – einen Accelerator – aufgenommen. Damals haben wir gelernt, wie man die eigene Idee zu einer Vision weiterentwickelt und wie man diese verkauft. "Du kannst etwas erschaffen." "Sei überzeugt von deiner Idee." "Werde dein eigener Chef."
Dieses Denken haben wir erst im Accelerator gelernt. Ich halte das in Sachen Start-up-Förderung für besonders wichtig. Vielversprechende Technologien werden von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern entwickelt. Die allerwenigsten haben eine Ahnung davon, wie man daraus eine eigene Firma macht. Ihnen Unternehmergeist einzupflanzen, das ist das Wesentliche. Nachdem die Förderanträge abgelehnt wurden, war uns klar, dass wir zunächst auf eigene Faust weitermachen mussten. Glücklicherweise wurden wir am Fraunhofer EMI zum Teil für diese Entwicklungsarbeit freigestellt. Wir konnten dort die Infrastruktur, die Reinräume und Labors weiter nutzen. Unsere Chefs haben uns klar zu verstehen gegeben, dass sie an uns glauben. Das hat uns zuversichtlich gemacht, weil wir wussten, dass sie uns am besten einschätzen können.

Wie haben Sie dann den Schritt in die freie Wirtschaft geschafft?

Gulde: Nachdem wir die Technik weiterentwickelt hatten, gab uns ein Freund den Tipp, uns bei einem Accelerator des wichtigsten internationalen Venture-Capital-Unternehmens für die Raumfahrt zu bewerben, bei Seraphim VC. Und tatsächlich hat uns Seraphim gefördert und unter die Fittiche genommen. Dieser Zuschlag war ein Label, eine Auszeichnung. Das hat uns die Türen für weitere Geldgeber geöffnet. Danach haben uns die ESA und auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt unterstützt. Selbst eine Förderung für Hochrisikoprojekte im Rahmen des Exist -Programms wurde jetzt möglich. Auch konnten wir Mittel beim European Innovation Council der Europäischen Kommission einwerben, das gezielt kleine und mittlere Unternehmen mit Hochrisikokapital unterstützt. Vor gut zwei Jahren haben wir dann ConstellR gegründet. Vor gut einem Monat ist unser Vertrag beim Fraunhofer EMI auslaufen. Damit fällt auch ein Stück Sicherheit weg. Das ist eine neue Situation, die wir übrigens auch mit unseren Frauen abgestimmt haben. Für mich sind das die eigentlichen Risiken eines eigenen Unternehmens: Wie schaffe ich es, ohne Burnout erfolgreich zu sein und ohne dass es auf Kosten der Familie geht? Das muss man vorher klären.

Was würden Sie Gründern darüber hinaus mitgeben?

Gulde: Dass eine Gründung in beruflicher Hinsicht kein Risiko, sondern eine Chance ist. Man kann nur gewinnen und eigentlich nichts verlieren. Entscheidend für eine Gründung sind meiner Meinung nach auch die ersten zehn Mitarbeiter. So ein Kernteam ist entscheidend, um gut zu starten. Zudem ist es gut, wenn die Firma mit einer Mischung aus Venture Capital und öffentlichen Geldern gefördert wird. Das gibt Sicherheit und macht die Gründungsphase schneller. Aktuell erhalten wir Gelder etwa zur Hälfte von unseren Investoren und von öffentlichen Fördermittelgebern.