Genau. Über Normen selbst denkt kaum jemand nach. Aber wir brauchen sie, damit Produkte sicher entwickelt, hergestellt und betrieben werden können. Das ist ein großer Fortschritt. Wenn wir bei der Elektromobilität bleiben: Obwohl an Schnellladesäulen mit sehr hohen Spannungen und Strömen gearbeitet wird, machen sich die meisten Menschen darüber keinerlei Gedanken. Das zeigt, wie groß das Vertrauen inzwischen ist.
Woher kommt dieses Vertrauen?
Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Normungsarbeit. Vor hundert Jahren war die Situation noch eine ganz andere. Damals starben in Deutschland jedes Jahr viele Menschen durch Stromunfälle infolge fehlerhafter Geräte oder Installationen. Heute sind tödliche Stromunfälle außerhalb des Arbeitsbereichs absolute Einzelfälle. Dieses Vertrauen wurde nicht einfach vorausgesetzt – es wurde über viele Jahrzehnte erarbeitet.
Lässt sich dieser Sicherheitsgewinn auch statistisch nachweisen?
Wenn man lange Zeiträume betrachtet, ja. Es ist zwar schwierig, Verbesserungen auf eine einzelne Norm zurückzuführen. Aber technische Entwicklungen wie die Einführung des Fehlerstromschutzschalters in den 1970er-Jahren haben nachweislich dazu beigetragen, die Zahl schwerer Stromunfälle deutlich zu reduzieren.
Das heißt, die meisten Menschen merken Ihre Arbeit eigentlich nur dann, wenn sie nicht funktioniert?
Das ist tatsächlich ein interessanter Punkt. Wir beobachten derzeit beispielsweise, dass durch billige Importprodukte häufiger Sicherheitsmängel auftreten. Manche Produkte tragen zwar Prüfzeichen oder CE-Kennzeichnungen, erfüllen die Anforderungen aber tatsächlich nicht. Da kommt es etwa vor, dass Stecker in der Steckdose stecken bleiben und Nutzer beim Herausziehen einen Stromschlag bekommen. Solche Vorfälle zeigen, wie wichtig es ist, dass Sicherheitsanforderungen tatsächlich eingehalten werden.
Dann liegt das Problem also nicht bei den Normen selbst?
Nein. In solchen Fällen geht es meist nicht darum, dass die Normen unzureichend wären. Das Problem ist vielmehr, dass sie nicht eingehalten werden oder die Marktüberwachung unzureichend ist. Gute Normen schaffen Sicherheit – sie müssen aber auch konsequent umgesetzt werden.
Normungsarbeit ist langwierig. Könnte man nicht auch nach dem Prinzip „Trial and Error“ vorgehen und erst nach einem Schadensfall nachbessern?
Natürlich werden Normen weiterentwickelt, wenn neue Erkenntnisse vorliegen oder sich Risiken verändern. Aber das eigentliche Ziel der Normung ist ein anderes: Sie soll Probleme möglichst verhindern, bevor sie überhaupt entstehen. Deshalb versucht man schon bei der Entwicklung eines Produkts, alle denkbaren Fehlerquellen und Gefährdungen zu berücksichtigen. Dafür gibt es Grundnormen, etwa zur Wirkung des elektrischen Stroms auf den menschlichen Körper, auf denen dann die Normen für einzelne Produkte – vom Haartrockner bis zum Rasierer – aufbauen. Dieses vorsorgende Vorgehen mag aufwendiger sein als ein „Trial and Error“-Ansatz. Es schafft aber genau das, worauf es am Ende ankommt: Vertrauen. Wer heute ein elektrisches Produkt kauft, geht ganz selbstverständlich davon aus, dass es sicher ist. Dieses Vertrauen entsteht gerade deshalb, weil mögliche Risiken möglichst schon vor der Markteinführung erkannt und ausgeschlossen werden.