Sebastian Jung ist Leiter für digitale Transformation und Innovation bei der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt (NHW) und koordiniert dort Bau-, KI- und Digitalisierungsprojekte
| NHWGeht es um die Energiewende, wird häufig über Windkraft, Photovoltaik oder den Ausbau der Stromnetze diskutiert. Doch ob sie im Alltag wirklich funktioniert, entscheidet sich auch an anderer Stelle: im Mehrfamilienhaus. Denn wenn Elektromobilität zum Massenmarkt werden soll, muss das Laden dort möglich sein, wo ein großer Teil der Menschen lebt. Hier kommt der Wohnungswirtschaft eine zentrale Rolle zu. Wohnungsunternehmen verfügen über Gebäude und Stellplätze und müssen Ladeinfrastruktur in bestehende technische Systeme, Sanierungsstrategien und langfristige Investitionsentscheidungen integrieren. Im Mehrfamilienhaus reicht es nicht, einzelne Wallboxen nach Bedarf zu installieren. Gefragt sind Lösungen, die von Beginn an im Zuge eines Betriebskonzepts skalierbar gedacht werden und auch dann funktionieren, wenn aus zwei Elektrofahrzeugen irgendwann 20 werden.
Die Herausforderung liegt dabei weniger im einzelnen Ladepunkt als im Gesamtsystem. Netzanschlussleistung, Leitungswege, Mess- und Abrechnungskonzepte sowie intelligentes Lastmanagement müssen zusammengedacht werden. Wohnungsunternehmen können hier eine koordinierende Rolle übernehmen und verhindern, dass technische Insellösungen entstehen, die später teuer nachgerüstet werden müssen. Ebenso wichtig wie der Bau ist dabei der Betrieb: Nur wenn Zuständigkeiten, Prozesse und technische Lösungen von Anfang an klar geregelt sind und zusammenpassen, lässt sich eine dauerhaft funktionsfähige und wirtschaftliche Ladeinfrastruktur in Mehrparteienhäusern gewährleisten.
Hinzu kommt: Ladeinfrastruktur sollte nicht isoliert betrachtet werden. In den Gebäuden der Zukunft treffen immer mehr elektrische Anwendungen aufeinander – von Wärmepumpen über Photovoltaik und Batteriespeicher bis hin zur Elektromobilität. Für die Wohnungswirtschaft entsteht daraus die Chance, Gebäude und Quartiere als integrierte Energiesysteme zu entwickeln. Intelligentes Energiemanagement kann Erzeugung und Verbrauch aufeinander abstimmen und vorhandene Netzkapazitäten effizienter nutzen.
Dafür braucht die Branche jedoch verlässliche technische Standards, wirtschaftlich tragfähige Betriebsmodelle und Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen. Denn Ladeinfrastruktur im Mehrfamilienhaus ist längst kein Zusatzangebot mehr. Sie wird zunehmend Teil einer zukunftsfähigen Gebäudeinfrastruktur.
Wenn wir es mit der Mobilitäts- und Energiewende ernst meinen, darf komfortables Laden kein Privileg des Eigenheims bleiben. Die Wohnungswirtschaft ist deshalb nicht nur Beteiligte, sondern eine der Schlüsselbranchen für den Hochlauf der Elektromobilität.