Blick auf Europa bei Nacht
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01.10.2026 VDE dialog

Lichtverschmutzung: Die Nacht zurückgewinnen

Die Lichtverschmutzung mit negativen Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen nimmt weltweit zu. Abhilfe schaffen Regulierungen für künstliche Beleuchtung bei Nacht.

Von Katja Dombrowski

In der Stadt strahlen nur die hellsten Sterne. Ist der Nachthimmel hingegen ungestört von anderen Lichtquellen sowie mondlos und wolkenfrei, können Menschen mehrere Tausend Sterne mit dem bloßen Auge erkennen. Die Orte, an denen das möglich ist, werden allerdings immer weniger: Man muss schon in die Wüste fahren, auf hohe Berge oder weit hinaus aufs Meer, um in den vollen Genuss zu kommen. Denn die künstliche Beleuchtung bei Nacht nimmt weltweit stark zu – mit negativen Folgen.

Lichtverschmutzung gilt als eine Form der Umweltverschmutzung, da künstliches Licht die natürliche Nachtumgebung verändert und Pflanzen, Tiere sowie Menschen beeinträchtigen kann. Ein Grund für die Zunahme der künstlichen Beleuchtung ist das Bevölkerungswachstum: Mehr Menschen, mehr Siedlungen, mehr Industrieanlagen, mehr Infrastruktur bedeuten auch mehr Lichtemissionen. Doch diese steigen weltweit stärker an als die Weltbevölkerung – es gibt also auch immer mehr Beleuchtung pro Person. Laut einer Studie, die sich auf Satellitendaten stützt, stiegen die Lichtemissionen auf der Erde zwischen 2014 und 2022 um 16 Prozent, während die Bevölkerung nur um rund zehn Prozent wuchs.

Der im April im Wissenschaftsmagazin Nature erschienenen Studie zufolge ist dieser Trend vor allem auf die weltweit voranschreitende Urbanisierung, den Ausbau von Infrastruktur und den steigenden Zugang zu Strom zurückzuführen. Die größte Zunahme nächtlicher Beleuchtung geht folglich auf das Konto von Ländern in Afrika und Asien, mit Somalia, Burundi und Kambodscha an der Spitze. In absoluten Zahlen hingegen liegen große Volkswirtschaften weit vorne, auf Platz eins die USA, gefolgt von China, Indien, Kanada und Brasilien. In Europa gingen die Lichtemissionen im untersuchten Zeitraum um vier Prozent zurück, am stärksten in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die Hauptgründe lägen im technologischen Fortschritt und in umweltpolitischen Maßnahmen. „Ursächlich sind der weit verbreitete Austausch älterer, weniger effizienter Straßenleuchten wie Natriumdampf-Hochdrucklampen durch moderne, gerichtete LED-Systeme sowie strenge nationale Energieeffizienzvorgaben und Maßnahmen zum Schutz des dunklen Nachthimmels“, erklärte Zhe Zhu, Professor an der University of Connecticut und einer der Autoren der Studie, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Laut Yana Yakushina hatte die Umstellung auf LED in der EU allerdings auch negative Folgen. „Das wurde gemacht, um Energie zu sparen, nicht um die Umwelt zu schützen“, sagt die Juristin, die an der Universität Gent zum Thema Regulierung der Lichtverschmutzung als Umweltthema promoviert und für den VDE das aktuelle Positionspapier Artificial Light at Night Certification erstellt hat. Sie kritisiert: „Die LED-Lampen auf der Straße sind in der Regel sehr hell und haben weißes Licht. Gut abgeschirmt sind sie meistens auch nicht.“ Außerdem: Da LED-Lampen preisgünstig sind, werden sie mehr genutzt als nötig. „LEDs wurden eingeführt, um Energie zu sparen, das führte jedoch letztendlich zu einem Rebound-Effekt mit einem höheren Energieverbrauch, größeren Umweltauswirkungen und einer Zunahme der Lichtverschmutzung“, sagt Yakushina.

Den größten Hebel für die Begrenzung von Lichtverschmutzung sieht sie in gesetzlicher Regulierung, und die gebe es mittlerweile in immer mehr Ländern. „Dafür gibt es zwei Gründe: den Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt.“ In dem Thema sei Bewegung, auch weil die Forschung zu den Folgen von Lichtverschmutzung in den vergangenen 50 Jahren zugenommen habe. Heute weiß man, dass der menschliche Biorhythmus stark vom natürlichen Wechsel zwischen Tag und Nacht, Helligkeit und Dunkelheit abhängt und dass uns eine Störung dieses Rhythmus – etwa durch künstliches Licht in der Nacht – nicht nur den Schlaf rauben, sondern auf Dauer auch krank machen kann. Betroffen sind eine ganze Reihe hormonell gesteuerter Prozesse, der Stoffwechsel und die psychische Gesundheit. Zu den möglichen Langzeitfolgen gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie die koronare Herzkrankheit, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Gegen Lichtreize in der Nacht kann man etwas tun, zum Beispiel ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr aufs Handy schauen. Gegen das Licht von Straßenlaternen helfen Verdunkelungsrollos, unterwegs – zum Beispiel im Zug – eine Schlafmaske. Diese Möglichkeiten stehen Tieren und Pflanzen nicht zur Verfügung. Auch sie leiden unter einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Wissenschaftler verweisen darauf, dass künstliches Licht in der Nacht zu einer potenziellen Bedrohung für Biodiversität geworden ist.

Clubhaus des Golfclubs bei Nacht

Gelungenes Beispiel für nachtsensible Architektur: Am Golfclub Parnü in Estland wird nur die unmittelbare Umgebung in warmen Lichtfarben beleuchtet. Abschirmungen verbessern den Sehkomfort und bewahren gleichzeitig die Sicht auf den Nachthimmel. Mittels Dimmoptionen wird die Helligkeit nach Bedarf angepasst.

| BM Light OÜ

Ein Großteil der Tierwelt ist nachtaktiv, bei den Säugetieren sind es rund 70 Prozent der Arten. Künstliches Licht kann Nahrungs-, Fortpflanzungs- und Wanderungsmuster durcheinanderbringen: Insekten fliegen ins Licht, Zugvögel verirren sich, Meeresschildkröten verwechseln künstliche Lichter mit dem Mond und führen ihre Jungtiere vom Meer weg. Viele Folgen sind auch noch unerforscht. So untersuchen etwa Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, wie künstliches Licht in der Nacht Ökosysteme von Binnengewässern beeinflusst.

Dass es schädliche Umweltfolgen gibt, ist hingegen unbestritten. Zu den Ländern, die darauf bereits mit nationaler Regulierung reagiert haben, gehören etwa Peru und China sowie eine ganze Reihe europäischer Länder. In Deutschland gelten mehrere regional unterschiedliche Bestimmungen. Auf nationaler Ebene regelt das Bundesnaturschutzgesetz in § 41a den „Schutz von Tieren und Pflanzen vor nachteiligen Auswirkungen von Beleuchtungen“. Die Vorschrift ist aber noch nicht in Kraft, da das Bundesumweltministerium (BMUKN) dafür zunächst Grenzwerte für Lichtemissionen festlegen und die zu erfüllenden technischen und konstruktiven Anforderungen sowie Schutzmaßnahmen näher bestimmen muss. Dazu hat das Bundesamt für Naturschutz mehrere Forschungsvorhaben vergeben. Zum Stand der Dinge teilt ein Sprecher des BMUKN auf Anfrage mit: „Die Arbeiten zu den fachlichen Grundlagen sind weit vorangeschritten, sodass aktuell die Auswertung erfolgt und die nächsten zielgerichteten Schritte geprüft werden.“

Laut Yana Yakushina, der Autorin des VDE Papiers, kommt es jedoch nicht nur darauf an, Gesetze zu erlassen, sondern auch, sie durchzusetzen. „Dafür ist Frankreich ein sehr gutes Beispiel“, sagt Yakushina. Verstöße gegen die dortigen umfassenden Vorgaben zur Reduzierung von Lichtverschmutzung würden geahndet – „bis hin zu spürbaren Geldstrafen“. Neben Strafen hält sie auch Anreize für sinnvoll, etwa indem bei öffentlichen Ausschreibungen bevorzugt Anbieter berücksichtigt würden, deren Leuchtmittel als biodiversitätsfreundlich zertifiziert sind.

Der VDE unterstützt Hersteller von Leuchtmitteln dabei, das am weitesten verbreitete Zertifikat von DarkSky International zu beantragen. „Wir sind das erste Prüfinstitut, das als DarkSky Recognised Test Lab anerkannt ist“, erklärt Artem Masorin, Technical Specialist beim VDE. Mit dem Positionspapier will der VDE für das Thema Lichtverschmutzung sensibilisieren und alle Akteure an einen Tisch bringen – von Umweltschützern und Forschern über die Leuchtmittelindustrie, Fachplaner und Architekten bis zur öffentlichen Hand. Gute Anwendungsbeispiele gebe es bereits, so Masorin.

Ein Unternehmen, das das Zertifikat von DarkSky International bereits verwendet, ist LED Linear GmbH aus Duisburg, ein Hersteller für lineare Architekturbeleuchtung. „Wir haben hohe Nachhaltigkeitsstandards“, erklärt Franziska Heckmanns, Produktmanagerin bei LED Linear. „Mit unseren Leuchten wollen wir zur Vermeidung von Lichtverschmutzung beitragen.“ Das ginge zwar auch ohne Zertifikat, aber: „Der DarkSky-Standard spielt eine immer größere Rolle. Wir sehen zunehmend, dass er Bestandteil von Ausschreibungen ist. Lichtdesigner, Architekten und Landschaftsplaner können so die Ausschreibungsanforderungen von zertifizierten Produkten erfüllen.“ Drei Produkte für die Außenbeleuchtung von zum Beispiel Fassaden oder Brücken seien zertifiziert worden, weitere in Planung. Heckmanns sieht es als staatliche Aufgabe an, Regelungen für die nächtliche Beleuchtung auch über Straßenbeleuchtung hinaus zu erlassen. „Zum Beispiel könnte man festlegen, dass die Lichtfarbe im Außenbereich maximal 3000 Kelvin sein darf. Denn es ist erwiesen, dass warmes Licht deutlich weniger schädlich für die Tier- und Pflanzenwelt ist.“ Der Verband Lighting Europe, der die Interessen der Lichtindustrie auf europäischer Ebene vertritt, setzt sich darüber hinaus für einheitliche Vorgaben innerhalb der EU ein. Er weist auf nötige Unterschiede bei der Anwendung hin: Im Stadtzentrum gelten in der Regel andere Vorgaben als auf dem Land oder in einem Nationalpark. Am wenigsten Lichtemissionen sind tatsächlich dort erlaubt, wo Sterne beobachtet werden, also beispielsweise in der Nähe von Sternwarten. Im Sternenpark Rhön im Dreiländereck von Bayern, Hessen und Thüringen hat sich sogar eine ganze Region dem Schutz des Nachthimmels verschrieben. Der Astrotourismus dort erfreut sich wachsender Beliebtheit.

Zum VDE Positionspapier (englisch):

https://www.vde.com/position-paper-alan-certification

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