An seinem Forschungsthema dranbleiben will auch Dr. Bastian Latsch, der für seine Dissertation über flexible 3D-gedruckte Sensoren für die tragbare menschliche Bewegungsanalyse und den Einsatz in Assistenzsystemen den zweiten Preis erhält. Der Elektroingenieur mit Schwerpunkt Mess- und Sensortechnik von der TU Darmstadt hat sich mit Assistenzsystemen für Menschen mit Gehbehinderungen beschäftigt und ist dabei einen unüblichen Weg mitgegangen. „Bisher ist es oft so, dass Ingenieure sich Systeme ausdenken und die Patienten müssen sich damit arrangieren.“ Beim interdisziplinären Projekt LokoAssist an der TU Darmstadt läuft es anders: Hier treffen Experten aus Orthopädietechnik, Medizin, Sportwissenschaft und Robotik sowie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit auf Ingenieure. Sich als Elektroingenieur daran zu beteiligen, hat für Latsch den Reiz, „dass man etwas entwickelt und sofort sieht, dass es Menschen hilft“. Konkret hat er an Sensoren für Prothesen gearbeitet, die anders als die sonst verwendeten nicht elektrisch, sondern mechanisch messen. „Bastian Latsch schlägt neuartige Kraftmyographie-Sensoren vor, mit denen die Muskelaktivität an den Beinen erfasst werden kann“, fasst der Juryvorsitzende Olaf Dössel den Ansatz des Gewinners des zweiten Platzes zusammen und lobt: „Die innovativen Systeme werden in Probandenstudien erprobt.“ Getestet hat Latsch sein System mit einem knappen Dutzend – gehgesunden – Testpersonen und konnte zeigen, dass seine Sensoren den Unterstützungszeitpunkt früher erkennen. Die Idee: Dadurch können künftig Prothesen schon im Moment der Initiierung einer Bewegung den Träger unterstützen.
Latsch ist auch nach Abschluss seiner Dissertation weiter an der TU Darmstadt tätig und im Projekt LokoAssist aktiv. „Es ist gerade eine sehr produktive Phase. Zurzeit läuft zum Beispiel eine Studie mit einer beidseitig beinamputierten Person.“ Eine rein akademische Karriere plant Latsch aber nicht: „Ich will mir hier fachlich eine gute Grundlage schaffen, aber unbedingt auch noch die Industrieseite kennenlernen.“
Bedeutung über den Einsatz in der Medizintechnik hinaus hat die Arbeit von Dr. Ingo Hoyer, der für seine Dissertation über die Rekonfigurierbarkeit in KI-Hardwarebeschleunigern für die energieeffiziente Analyse von Biosignalen den dritten Preis erhält. Der Elektroingenieur ist schon als Schüler mit digitaler Schaltungstechnik in Kontakt gekommen: über den VDE Mikrochip-Wettbewerb INVENT a CHIP, den er vor zwölf Jahren gewonnen hat. Nun hat er Chips entwickelt, die in kleinen Medizingeräten Daten mithilfe von Künstlicher Intelligenz effizienter verarbeiten. „Die Auswertung von Biosignalen mit Hilfe von KI-Methoden spielt schon heute eine herausragende Rolle, und ihre Bedeutung wird sicher noch weiter zunehmen“, weiß Juryvorsitzender Olaf Dössel. Oft muss eine erste Auswertung schon in dem tragbaren System, sogenannten Wearables, erfolgen. Das erfordert kleine und leichte Systeme mit niedriger Leistungsaufnahme. „Ingo Hoyer entwickelt solche neuen intelligenten und rekonfigurierbaren Systeme und demonstriert ihre hervorragenden Eigenschaften am Beispiel der KI-unterstützten EKG-Auswertung“, beurteilt Dössel. Darüber hinaus hat Hoyer in Zusammenarbeit mit einem EKG-Hersteller an der Charité Berlin Signale evaluiert, analysiert und einen Algorithmus erschaffen, der Krankheitsbilder anhand der Signale erkennt. Durch die Bündelung ähnlicher Krankheitsbilder hat er Chips erschaffen, die nicht nur eine, sondern mehrere Krankheiten erkennen können. Das löst das Problem, dass sich die Halbleiterfertigung nur in sehr hoher Stückzahl lohnt.
Drei Preisträger, drei unterschiedliche Ansätze, die Behandlung von Patienten zu verbessern. Was alle gemein haben, so Olaf Dössel: „Sie zeichnen sich nicht nur durch wissenschaftliche Exzellenz und eine hervorragende Darstellung aus. Sie haben auch einen direkten Bezug zur klinischen Versorgung von Patienten und damit eine große konkrete Bedeutung für die Medizin von morgen.“
Zusätzlich zum Klee-Preis, der jährlich verliehen wird, gibt es all zwei Jahre auch einen Preis für Innovation in der Medizintechnik, ebenfalls gestiftet von der Familie Klee. Weitere Informationen:
https://www.vde.com/klee-preis