Verkabelte Beine eines Probanden auf einem Laufband

Ausgezeichnete Forschung: Mithilfe von Einlegesohlen mit Sensoren sollen Assistenzsysteme wie Prothesen verbessert werden.

| Bastian Latsch
01.10.2026 VDE dialog

Klee-Preis der DGBMT: Wie Technik Medizin verändert

Drei junge Elektroingenieure zeigen, wie Technologien die medizinische Versorgung verbessern: mit einer kontaktlosen Überwachung von Frühgeborenen, neuartigen Sensoren für Assistenzsysteme und energieeffizienten Chips zur Analyse von Biosignalen. Ihre Arbeiten führen an die Schnittstelle von Medizin und Technik – und von der Forschung in die klinische Praxis.

Von Beatrice Hüper

Manchmal beginnt medizinischer Fortschritt nicht im Operationssaal, sondern am Arbeitsplatz eines Elektroingenieurs. Dort entstehen Kamerasysteme, die Frühgeborene kontaktlos überwachen, Sensoren, die Prothesen schneller reagieren lassen, oder Mikrochips, die energieeffizient Symptome erkennen. Solche Innovationen können Diagnosen verbessern, Behandlungen erleichtern und den Alltag von Patienten grundlegend verändern. Doch gerade junge Wissenschaftler brauchen Zeit, Geld und Anerkennung, um aus einer vielversprechenden Idee eine Technik zu machen, die irgendwann in der Klinik ankommt. Das wusste auch Gerhard Klee. Der Frankfurter Ingenieur hielt 165 Patente und verdankte seinen wirtschaftlichen Erfolg nicht zuletzt den eigenen Erfindungen. Davon wollte er etwas weitergeben: 1994 gründete er die Stiftung Familie Klee, um Nachwuchsforschende an der Schnittstelle von Medizin und Technik zu fördern. Der nach ihr benannte Klee-Preis zeigt in diesem Jahr bereits zum 32. Mal, wie vielfältig die Medizin von morgen heute schon gedacht wird. Drei junge Elektroingenieure hat die Jury um den Vorsitzenden Prof. Dr. Olaf Dössel 2026 für ihre Forschungsarbeiten ausgezeichnet.

Der erste Preis geht an Dr. Simon Lyra für seine Dissertation über die kameragestützte Echtzeit-Überwachung der Vitalparameter von Neugeborenen mithilfe von Deep Learning. „Wer einmal ein Pulsoximeter auf dem winzigen Finger eines Frühgeborenen gesehen hat, versteht sofort, wie wichtig diese Forschung ist“, sagt Olaf Dössel. Emotionale Gründe spielten bei der Auswahl der Preisträger jedoch keine Rolle: „Alle Patienten sind gleich wertvoll.“ Entscheidend war: „Simon Lyra hat ein Thema gewählt, das viele betrifft: Jedes zehnte Baby ist frühgeboren. Und er hat sein System bereits in klinischen Studien eingesetzt. Das alles hat uns sehr beeindruckt“, so Dössel.

rträtfotos der drei Gewinner des Kleepreis

Dr. Simon Lyra, Dr. Bastian Latsch und Dr. Ingo Hoyer sind die Gewinner des VDE DGBMT Preis der Stiftung Familie Klee 2026

| Privat

Zur kontaktlosen Überwachung von Frühgeborenen kam Simon Lyra über ein Institutspraktikum an der RWTH Aachen. Einblicke in die Neo-Intensivstation des Universitätsklinikums Aachen – einer spezialisierten Abteilung für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen – haben ihn für das Thema gewonnen. Denn Elektroden und Sensoren werden bei Babys genau wie bei Erwachsenen mit medizinischem Kleber angebracht. Das hält sehr gut, doch auf der dünnen, teils unreifen Haut kann es zu Verletzungen kommen, die Schmerzen und Stress nach sich ziehen und damit einen erhöhten Sauerstoffverbrauch, was sich nachteilig auf die Entwicklung des Kindes auswirken kann. Dazu kommt: Die Verkabelung der Kinder belastet die Eltern stark und ist mit hohem Pflegeaufwand verbunden. „Mein Kamerasystem löst da viele Probleme“, ist Simon Lyra überzeugt. Und es ließe sich auch in weiteren Bereichen der Medizin einsetzen, zum Beispiel bei der Überwachung älterer Patienten oder bei Piloten in Flugzeugen oder Pkw-Fahrern. Wenn Unregelmäßigkeiten der Vitalparameter dadurch frühzeitig erkannt werden, könnten so womöglich Unfälle verhindert werden, die durch Anfälle oder akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgelöst werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Geräte für die Intensivmedizin unterliegen ohnehin strengen Auflagen. Kommen dann wie bei Lyras Arbeit noch ein Monitoringsystem, Datenerfassung und der Einsatz von KI hinzu „braucht man praktisch alle verfügbaren Zulassungen“, weiß Lyra. Er wäre gern drangeblieben: „Leider ist unser Forschungsprojekt ausgelaufen und ein Anschlussprojekt nicht in Sicht.“ Aktuell ist Lyra als Mitgründer bei einem Start-up im Bereich Automatisierungstechnik tätig. Sein Promotionsthema hat er aber nicht vergessen. „Wenn es auf dem Gebiet weitergeht und jemand eine Finanzierungsquelle hat, bin ich sofort wieder mit dabei.“

eine Dummy-Babypuppe in einem Inkubator

Um grundlegende Daten zum Aufbau eines Algorithmus für die Überwachung von Babys zu erhalten, legte Klee-Preisträger Simon Lyra zunächst eine Dummypuppe in den Inkubator.

| Daniel Blase

An seinem Forschungsthema dranbleiben will auch Dr. Bastian Latsch, der für seine Dissertation über flexible 3D-gedruckte Sensoren für die tragbare menschliche Bewegungsanalyse und den Einsatz in Assistenzsystemen den zweiten Preis erhält. Der Elektroingenieur mit Schwerpunkt Mess- und Sensortechnik von der TU Darmstadt hat sich mit Assistenzsystemen für Menschen mit Gehbehinderungen beschäftigt und ist dabei einen unüblichen Weg mitgegangen. „Bisher ist es oft so, dass Ingenieure sich Systeme ausdenken und die Patienten müssen sich damit arrangieren.“ Beim interdisziplinären Projekt LokoAssist an der TU Darmstadt läuft es anders: Hier treffen Experten aus Orthopädietechnik, Medizin, Sportwissenschaft und Robotik sowie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit auf Ingenieure. Sich als Elektroingenieur daran zu beteiligen, hat für Latsch den Reiz, „dass man etwas entwickelt und sofort sieht, dass es Menschen hilft“. Konkret hat er an Sensoren für Prothesen gearbeitet, die anders als die sonst verwendeten nicht elektrisch, sondern mechanisch messen. „Bastian Latsch schlägt neuartige Kraftmyographie-Sensoren vor, mit denen die Muskelaktivität an den Beinen erfasst werden kann“, fasst der Juryvorsitzende Olaf Dössel den Ansatz des Gewinners des zweiten Platzes zusammen und lobt: „Die innovativen Systeme werden in Probandenstudien erprobt.“ Getestet hat Latsch sein System mit einem knappen Dutzend – gehgesunden – Testpersonen und konnte zeigen, dass seine Sensoren den Unterstützungszeitpunkt früher erkennen. Die Idee: Dadurch können künftig Prothesen schon im Moment der Initiierung einer Bewegung den Träger unterstützen.

Latsch ist auch nach Abschluss seiner Dissertation weiter an der TU Darmstadt tätig und im Projekt LokoAssist aktiv. „Es ist gerade eine sehr produktive Phase. Zurzeit läuft zum Beispiel eine Studie mit einer beidseitig beinamputierten Person.“ Eine rein akademische Karriere plant Latsch aber nicht: „Ich will mir hier fachlich eine gute Grundlage schaffen, aber unbedingt auch noch die Industrieseite kennenlernen.“

Bedeutung über den Einsatz in der Medizintechnik hinaus hat die Arbeit von Dr. Ingo Hoyer, der für seine Dissertation über die Rekonfigurierbarkeit in KI-Hardwarebeschleunigern für die energieeffiziente Analyse von Biosignalen den dritten Preis erhält. Der Elektroingenieur ist schon als Schüler mit digitaler Schaltungstechnik in Kontakt gekommen: über den VDE Mikrochip-Wettbewerb INVENT a CHIP, den er vor zwölf Jahren gewonnen hat. Nun hat er Chips entwickelt, die in kleinen Medizingeräten Daten mithilfe von Künstlicher Intelligenz effizienter verarbeiten. „Die Auswertung von Biosignalen mit Hilfe von KI-Methoden spielt schon heute eine herausragende Rolle, und ihre Bedeutung wird sicher noch weiter zunehmen“, weiß Juryvorsitzender Olaf Dössel. Oft muss eine erste Auswertung schon in dem tragbaren System, sogenannten Wearables, erfolgen. Das erfordert kleine und leichte Systeme mit niedriger Leistungsaufnahme. „Ingo Hoyer entwickelt solche neuen intelligenten und rekonfigurierbaren Systeme und demonstriert ihre hervorragenden Eigenschaften am Beispiel der KI-unterstützten EKG-Auswertung“, beurteilt Dössel. Darüber hinaus hat Hoyer in Zusammenarbeit mit einem EKG-Hersteller an der Charité Berlin Signale evaluiert, analysiert und einen Algorithmus erschaffen, der Krankheitsbilder anhand der Signale erkennt. Durch die Bündelung ähnlicher Krankheitsbilder hat er Chips erschaffen, die nicht nur eine, sondern mehrere Krankheiten erkennen können. Das löst das Problem, dass sich die Halbleiterfertigung nur in sehr hoher Stückzahl lohnt.

Drei Preisträger, drei unterschiedliche Ansätze, die Behandlung von Patienten zu verbessern. Was alle gemein haben, so Olaf Dössel: „Sie zeichnen sich nicht nur durch wissenschaftliche Exzellenz und eine hervorragende Darstellung aus. Sie haben auch einen direkten Bezug zur klinischen Versorgung von Patienten und damit eine große konkrete Bedeutung für die Medizin von morgen.“

Zusätzlich zum Klee-Preis, der jährlich verliehen wird, gibt es all zwei Jahre auch einen Preis für Innovation in der Medizintechnik, ebenfalls gestiftet von der Familie Klee. Weitere Informationen:

https://www.vde.com/klee-preis

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