Der Betrieb von Stromnetzen wird zunehmend anspruchsvoller. Dezentrale Einspeiser, schwankende Lasten und neue regulatorische Vorgaben sorgen dafür, dass Entscheidungen in Netzleitstellen immer komplexer werden. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an erfahrenem Personal. Vor diesem Hintergrund stellte das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB auf der VDE FNN/ETG TUTORIAL Schutz- und Leittechnik 2026 Ende April in Leipzig den „GridCompanion“ vor – eine KI-Assistenz, die Leitstellenpersonal bei Analysen unterstützt, ohne aktiv in den Netzbetrieb einzugreifen.
Ein zentraler Unterschied zu vielen anderen KI-Lösungen liegt im Betrieb: Der GridCompanion arbeitet vollständig lokal. Daten bleiben damit beim Netzbetreiber, externe Zugriffe oder Cloud-Anbindungen sind nicht notwendig. Zum Einsatz kommen unter anderem europäische Sprachmodelle wie Mistral Small 4, die sich direkt vor Ort betreiben lassen. „Für Netzbetreiber ist entscheidend, dass KI-Lösungen die strengen Anforderungen an IT- und OT-Sicherheit erfüllen und sich in bestehende Prozesse einfügen, ohne diese zu stören. Weiterhin stehen die Themen Datensicherheit und Datenhoheit ganz oben auf der Agenda“, erklärt Dr. Dennis Rösch vom Fraunhofer IOSB-AST. Mit der lokalen Integration eines europäischen Sprachmodells würde bewusst auf digitale Souveränität gesetzt werden.
Technisch wird das System lediglich lesend an bestehende Anwendungen angebunden. Es sammelt und strukturiert Informationen aus unterschiedlichen Quellen und unterstützt etwa bei der Störungsanalyse, der Bewertung von Netzdaten oder der Dokumentation. Die Verantwortung bleibt dabei stets beim Menschen. Erste praktische Anwendungen laufen bereits in realen Netzumgebungen, wo der GridCompanion genutzt wird, um verschiedene KI-gestützte Anwendungsfälle im Leitstellenbetrieb zu erproben – etwa bei der Analyse von Lastflüssen oder der Auswertung komplexer Netzdaten. Ergänzend dazu bietet das Fraunhofer IOSB-AST mit „GridCompanion Discovery“ ein strukturiertes Programm an, das Netzbetreiber schrittweise an den Einsatz solcher Systeme heranführt. In mehreren Phasen können konkrete Anwendungsfälle identifiziert, getestet und hinsichtlich ihres Nutzens sowie des Integrationsaufwands bewertet werden, bevor ein möglicher Einsatz im operativen Betrieb erfolgt.