Sattelit im All
Reflex Aerospace
01.07.2026 VDE dialog

New Space: Ab ins All

Die Raumfahrt von heute greift weniger nach den Sternen als nach konkretem Nutzen für die Erde. Europa will in Zukunft schneller und eigenständiger abheben. Dabei sollen vor allem deutsche Start-ups Tempo machen.

Von Patrick Torma

Mit Artemis II ist das Fernweh zurück: Erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert kamen Menschen dem Mond nahe – auch dank des Europäischen Servicemoduls der Orion-Kapsel, das von Airbus in Bremen montiert wurde. Doch der Fokus in der Raumfahrt gilt weiterhin dem erdnahen Orbit. Dort kreisen laut der Europäischen Weltraumbehörde (ESA) 14.200 aktive Satelliten. Tendenz steigend. Vieles auf der Erde hängt an ihnen: Satelliten navigieren Flugzeuge, Schiffe und Autos, liefern präzise Zeitdaten für Finanzsysteme, beobachten Klima und Krisen. Ohne diese Infrastruktur über unseren Köpfen wäre die moderne Gesellschaft ziemlich aufgeschmissen.

Ein Großteil liegt in privater Hand. Allein SpaceX betreibt mehr als 10.000 Starlink-Satelliten und bringt viele davon mit eigener Falcon-9-Rakete nach oben. Elon Musks Konzern hat längst bewiesen, dass Raumfahrt nicht mehr allein die Domäne staatlicher Institutionen ist.

Gleichzeitig werden neue Abhängigkeiten sichtbar. So ist die Ukraine bei der Gefechtsfeldkommunikation auf Starlink angewiesen. Was in Europa die Frage aufwirft: Wie abhängig darf sicherheitsrelevante Infrastruktur von nicht-europäischen Anbietern sein?

Vor diesem Hintergrund kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius im September 2025 an, dass Deutschland 35 Milliarden Euro bis 2030 in Weltraumprojekte investieren werde. Diese Summe träfe hierzulande auf eine Raumfahrtlogik nach SpaceX-Vorbild: schneller, kapitalgetriebener, kommerzieller. Das Schlagwort dafür lautet New Space. „Typisch sind kürzere Entwicklungszyklen, Kundenorientierung und weniger Sonderanfertigungen, dafür mehr Produkte ‚off the shelf‘“, also standardisierte, serienmäßig gefertigte Produkte, sagt Pia Thauer von der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Start einer Rakete
HyImpulse

Das klingt nach klassischen Start-up-Tugenden, bleibt aber nicht auf solche beschränkt. Im deutschen New-Space-Ökosystem tummeln sich etwa 100 Start-ups. Das DLR zählt spezialisierte kleine und mittlere Unternehmen hinzu und kommt so auf rund 300 Unternehmen. Daneben stellen sich etablierte Systemintegratoren wie Airbus oder OHB auf den neuen Takt ein. Auch die staatliche Raumfahrt bleibt ein wichtiger Teil: Agenturen müssen nicht mehr alles selbst teuer entwickeln, sondern können Dienstleistungen und Mitfluggelegenheiten einkaufen.

2025 sicherte sich die Deutsche Raumfahrtagentur Nutzplatz in der Weltraumkapsel Nyx des deutsch-französischen Start-ups The Exploration Company, um Experimente in der Schwerelosigkeit durchzuführen. Ein Prototyp startete im selben Jahr auf einer Rakete des Typs Falcon 9. Der Flug endete mit dem Verlust der Kapsel, galt dem Unternehmen aber als Teilerfolg. Pia Thauer stimmt in den positiven Tenor ein und verweist auf „langfristige Hebelwirkungen“: „Solche staatlichen Aufträge sind ein vertrauenswürdiges Signal an private Kapitalgeber.“

„Der Staat wird für uns immer ein wichtiger Kunde bleiben – ob direkt oder indirekt“, bestätigt Dr. Christian Schmierer. Der CEO des Heilbronner Raketen-Unternehmens HyImpulse betont aber auch: „Verglichen mit den USA steht der europäische Raumfahrtmarkt ganz am Anfang.“ Tatsächlich ist die finanzielle Schere zu den USA groß. Sie fiel weniger schmerzhaft auf, solange die transatlantische Beziehung als verlässlich galt. Spätestens seit US-Präsident Donald Trump die Zusammenarbeit öffentlich infrage stellt, wirkt sie bedrohlicher. Deutschland und Europa reagieren mit höheren ESA-Beiträgen sowie nationalen Raumfahrtmitteln.

Staat und Investoren bewegen Milliarden. New Space rückt so auch für die klassische Industrie in den Blick, wie Pia Thauer als Projektleiterin des Space Innovation Hub beobachtet. Dieser bringt öffentliche Bedarfsträger und New-Space-Anbieter zusammen. „Wir sehen etwa Automobilzulieferer, die Know-how und Komponenten an die Raumfahrt anpassen.“ Davon könne der auf Skalierung bedachte Sektor profitieren.

HyImpulse-Team vor einer Trägerrakete

Das Team des Heilbronner Raketen-Unternehmens HyImpulse vor dem Start der einstufigen SR75-Trägerrakete für den Transport von Nutzlasten von bis zu 250 Kilogramm.

| HyImpulse

Christian Schmierer sieht für die deutsche New-Space-Szene einen möglichen Schub, mahnt aber zugleich, dass ein „substanzieller Aufbau“ nötig sei – mit mehr Produktionskapazitäten, qualifiziertem Personal und echter Raumfahrtkompetenz. Die genannten Summen klingen gewaltig, verteilen sich aber über mehrere Jahre. Dabei gehe es nicht nur um einen Markt, der laut Analysten bis 2035 auf weltweit 1,8 Billionen US-Dollar wachsen soll, sondern um Europas Souveränität in der Raumfahrt – mit Deutschland als möglichem Motor. „Deutschland hat in Europa die meisten Unternehmen, die meisten Mitarbeiter und damit auch den größten Talentpool, starke Universitäten und Forschungseinrichtungen wie das DLR, aus dessen Umfeld wir selbst kommen“, sagt HyImpulse-Mitbegründer Schmierer. „An Grundlagen mangelt es nicht.“ An New-Space-Playern ebenso wenig. Eine Stärke der Szene liegt dort, wo Satellitendaten in IT-Anwendungen übersetzt werden: Waldbranderkennung, Landwirtschaft, Klima- und Thermaldaten, Infrastrukturüberwachung. Firmen wie OroraTech, constellr, LiveEO oder Marble Imaging zeigen, flankiert von Satellitenbauern und Integratoren wie Reflex Aerospace oder Berlin Space Technologies, dass deutsche Erdbeobachtung international anschlussfähig ist. Viele dieser Anwendungen sind dual-use-fähig, sprich: sowohl für zivile als auch militärische Zwecke interessant. Gerade die Entwicklung von Kleinsatelliten und standardisierten Mini-Satelliten (Cubesats) gilt als Treiber für den Space-Standort Deutschland. Standardisiert und industriell gefertigt, sollen sich auch kleine Firmen und Universitäten diese Satelliten leisten können. Nur: Diese Technik muss auch ins All gelangen. An diesem Flaschenhals entscheidet sich Europas Rolle im Weltraum mit. 2025 gab es weltweit 330 orbitale Raketenstarts, davon acht mit europäischen Trägerraketen. Davor stand der Kontinent zeitweise raketenlos da. Mit Ariane 6 und Vega-C ist Europas eigener Zugang ins All wieder gesichert. Doch Starts bleiben teuer, Nutzlastplätze knapp.

Mehr Flexibilität sollen Microlauncher bringen: „kleinere“ Raketen, die noch immer bis zu 30 Meter hoch sind und eines Tages buchbar sein sollen wie Taxis. In Deutschland arbeiten Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg (RFA) und HyImpulse an diesem Flaschenhals. Isar und RFA bauen kleine Trägerraketen für den Orbit, HyImpulse setzt auf einen proprietären Hybridantrieb mit Paraffin – einem Festbrennstoff, der eher nach Kerzenwachs klingt als nach Hochtechnologie.

Stand Redaktionsschluss hat noch kein privat entwickelter Microlauncher aus Europa eine stabile Umlaufbahn erreicht. Isar und RFA wollen 2026 näher heran; HyImpulse testet vorerst suborbital weiter und entwickelt für 2027 mit SL1 den eigenen Orbitalträger. Das Rennen ist offen, die Nachfrage offenbar nicht. „Wir können uns vor Anfragen kaum retten“, sagt Christian Schmierer. „Viele Satellitenbetreibende wollen zeigen, dass ihre Hardware – und damit ihr Geschäftsmodell – funktioniert.“ Die Hoffnung auf einen Durchbruch ist groß. Der Druck auch: Es geht um Europas Anschluss.

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