Welche Rolle spielt Konformitätsbewertung für diese Lieferketten und allgemein für internationale Märkte?
Die Konformitätsbewertung ist in Bezug auf den Welthandel schlicht und einfach ein Enabler. Sie schafft Vergleichbarkeit, reduziert technische Handelshemmnisse und ermöglicht den Grundsatz „once tested, globally accepted“. In Lieferketten mit vielen Akteuren, Regionen, Rechtsräumen und Branchen sorgt sie für die Harmonisierung technischer Anforderungen, für Planungssicherheit von Herstellern und Vertrauen aufseiten von Behörden und Kunden. Das gilt natürlich vor allem für das IECQ – das steht für: IEC Quality Assessment System for Electronic Components.
Was unterscheidet IECQ von klassischen Zertifizierungs- oder Prüfsystemen?
IECQ verfolgt als horizontales System einen ganzheitlichen systemischen Ansatz. Der Fokus liegt also nicht nur auf der Frage, ob ein Produkt heute konform ist, sondern ob das System dauerhaft in der Lage ist, Konformität zu erzeugen. Genau diese Nachhaltigkeit unterscheidet sich grundlegend von vielen traditionellen Prüfsystemen.
Es geht eher um die Prozesse und Strukturen, die hinter dem Produkt liegen?
Genau!
Sie haben eben IECQ als horizontales System bezeichnet. Was bedeutet das konkret für unterschiedliche Branchen?
Horizontal bedeutet, dass es branchenübergreifend anwendbar ist und nicht auf eine einzelne Technologie oder Industrie beschränkt bleibt. IECQ bewertet keine isolierten Produkte einer bestimmten Industrie, sondern Organisationen, Prozesse, Managementsysteme und Lieferketten – unabhängig davon, in welchem industriellen Umfeld sie eingesetzt werden. Dadurch ist das System auf eine Vielzahl von Branchen übertragbar, etwa Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Energie oder Medizintechnik, also weit über die Elektrotechnik hinaus. Das ist bewusst so gewählt, weil moderne Produkte heute hochgradig interdisziplinär sind und in komplexen globalen Wertschöpfungsketten entstehen. Branchen lassen sich technisch und organisatorisch immer weniger klar voneinander trennen. IECQ adressiert diese Realität, indem es einheitliche Bewertungsprinzipien bereitstellt, unabhängig vom Anwendungsbereich. Es schafft eine gemeinsame Bewertungslogik über Industrien hinweg und leistet so einen Beitrag für Kohärenz, Effizienz und Vertrauen in die internationale Konformitätsbewertung. Mit zunehmender Systemintegration und Digitalisierung wird diese Ausrichtung noch wichtiger.
Warum rückt hier die Lieferkette so stark in den Fokus – und was verändert sich dadurch konkret in der Konformitätsbewertung?
Erfahrungen zeigen, dass Fehler selten im Endprodukt entstehen, sondern fast immer in vorgelagerten Prozessen, etwa durch unklare Spezifikationen, mangelhafte Materialkontrolle oder unzureichend qualifizierte Lieferanten. Mit dem Fokus auf die Lieferkette verändert sich die Konformitätsbewertung grundlegend: mehr Transparenz und Rückverfolgbarkeit, frühzeitige Risikominimierung und eine stärkere Einbindung von Unterlieferanten. Insgesamt verschiebt sich der Ansatz von einer eher reaktiven Prüfung hin zu einer präventiven Systembewertung. Damit wird Konformitätsbewertung zu einem aktiven Steuerungsinstrument für Unternehmen.
All das spielt natürlich für die Circular Economy eine wichtige Rolle. Inwiefern verändert sich dadurch auch die Konformitätsbewertung selbst?
Das ist eine zentrale Zukunftsfrage. Wenn wir Europa betrachten, also die gleichzeitige digitale und ökologische Transformation, dann verändern sich die Erwartungen an die Konformitätsbewertung grundlegend. Die Circular Economy verlangt, dass Produkte nicht nur für einen Nutzungszyklus bewertet werden, sondern für mehrere Lebenszyklen. Hier zeigt sich eine regulatorische Herausforderung: In der aktuellen europäischen Gesetzgebung sind multiple Produktlebenszyklen bislang nur begrenzt systematisch abgebildet. Es lassen sich zwar Übergänge erkennen, etwa im Ökodesign oder in der Produktsicherheitsverordnung, aber diese bilden eher aufeinanderfolgende Marktphasen ab und keinen durchgängigen Lebenszyklus im Sinne der Kreislaufwirtschaft. Entscheidend ist der erste Zyklus der Produktentstehung: welche Materialien verwendet werden, ob Reparatur, Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit mitgedacht werden und welche Stoffe eine spätere Nutzung verhindern könnten. In dieser Phase wird entschieden, ob ein Produkt wiederverwendet werden kann oder zum Entsorgungsproblem wird. Die Circular Economy verschiebt den Schwerpunkt der Konformitätsbewertung damit an den Anfang des Produktlebens.
Das heißt, die Circular Economy verändert auch die Anforderungen an die Konformitätsbewertung?
Ja, und das ist ein erhebliches Aufbohren der Kompetenzen! Wenn man etwa das europäische Produkthaftungsrecht betrachtet, das kürzlich novelliert wurde, sieht man ein klares Signal: Die Verantwortung verlagert sich stark nach vorne, also in Entwicklung, Design und Organisation. Die entscheidenden Weichen für Sicherheit, Nachhaltigkeit und Haftung werden im Entstehungsprozess eines Produkts gestellt. Für Ingenieurinnen und Ingenieure bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Technische Exzellenz reicht nicht mehr aus, es braucht systemisches Denken über den gesamten Lebenszyklus hinweg, einschließlich Lieferkette, Digitalisierung und späterer Wiederverwendung. Internationale Systeme wie IECQ zeigen, wie dieser Wandel praktisch umgesetzt wird – durch einen prozessorientierten Lieferkettenansatz, der Verantwortung zuweist und Risiken transparent macht. Damit erweitert sich auch die Rolle des Ingenieurs hin zu technischer, ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung.
Im November trifft sich in Hamburg die Normungscommunity zum großen IEC General Meeting. Welche Rolle wird das Thema dort spielen?
Ich gehe davon aus, dass das Thema eine ganz zentrale Rolle spielen wird, gerade weil Konformitätsbewertung und Normung untrennbar miteinander verbunden sind. Konformitätsbewertung bedeutet ja immer auch, Normen in der Praxis anzuwenden – und genau darin liegt ihre besondere Funktion: Sie zeigt, ob Normen tatsächlich umsetzbar sind, und hält ihnen damit den Spiegel vor. Für die IEC als Organisation, die beide Bereiche zusammenführt und über ihre Systeme auch Zertifizierung ermöglicht, ist diese Rückkopplung entscheidend: Normen definieren Anforderungen, die Konformitätsbewertung überprüft ihre Praxistauglichkeit. Daraus entsteht ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Für die DKE ist das besonders relevant, weil ein großer Teil der Normungsarbeit im elektrotechnischen Bereich liegt und die Qualität der Normen zentral ist. Die Konformitätsbewertung trägt dazu bei, diese Qualität kontinuierlich zu sichern und weiterzuentwickeln.