Blick auf den Uyuni-Salzsee in Bolivien

Der Salar de Uyuni in Bolivien ist nicht nur die größte Salzpfanne der Erde, sondern beherbergt auch eins der weltweit größten Lithiumvorkommen.

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01.04.2025 VDE dialog

Lithium: Weißes Gold

In den bolivianischen Anden liegt so viel Lithium, dass der weltweite Bedarf damit jahrzehntelang gedeckt werden könnte. Doch dem südamerikanischen Land gelingt der Abbau bislang kaum. Die Zusammenarbeit mit internationalen Investoren soll das künftig ändern – ob allerdings Europa davon profitiert, ist fraglich.

Von Katja Dombrowski

Die weiße Wüste erstreckt sich weit über den Horizont hinaus: Der Salar de Uyuni mit einer Fläche von mehr als zehntausend Quadratkilometern ist die größte Salzpfanne der Welt und Haupttouristenattraktion Boliviens. Mehrere Hunderttausend Menschen kommen jedes Jahr hierher, um diese einmalige Landschaft auf 3653 Metern Höhe in den Anden zu sehen. Auch Salz wird abgebaut – doch der größte Schatz schlummert in der Sole: Lithium.

Das Leichtmetall ist ein weltweit begehrter Rohstoff (s. S. 26), und nirgends lagert davon so viel wie im Salar de Uyuni. Von 115 Millionen Tonnen Lithium, die laut dem US Geological Survey (USGS) von 2025 bekannt sind, verfügt Bolivien, zuammen mit Argentinien, das genauso große Vorkommen hat, mit 23 Millionen Tonnen über die größten Ressourcen weltweit – davon 21 Millionen allein im Salar de Uyuni. Etwa ein halbes Dutzend weitere Salzpfannen in den bolivianischen Anden sind ebenfalls für die Lithiumgewinnung vorgesehen, und zahlreiche andere sollen auf mögliche Vorkommen untersucht werden. Hinter Bolivien und Argentinien folgt Chile mit elf Millionen Tonnen Lithium. Zusammen bilden die Vorkommen der drei Länder in den Anden das sogenannte Lithiumdreieck, das rund die Hälfte des weltweiten Lithiums beherbergt.

Allerdings: Eine Ressource ist noch keine nutzbare Reserve. Den Schatz zu heben, der in seinen Salzpfannen lagert, bietet Bolivien lohnenswerte Perspektiven. Führende Politiker sehen darin eine mögliche Lösung für zwei der größten Probleme des Landes: die Wirtschaftskrise und den Devisenmangel. Doch obwohl bereits seit Jahrzehnten darüber gesprochen wird und verschiedene Anläufe unternommen wurden, ist die Lithiumgewinnung bisher über Pilotanlagen kaum hinausgekommen. Erst Ende 2023 hat das Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) am Salar de Uyuni die erste industrielle Anlage zur Lithiumgewinnung mittels Verdunstung in Betrieb genommen. Sie ist jedoch von verschiedenen Problemen in der Konstruktion und im Betrieb gezeichnet und produziert nur einen Bruchteil der vorgesehenen Menge.


Blick auf Verdunstungsbecken in Potosi

Verdunstungsbecken im Salar de Uyuni in Potosi fördern das begehrte Lithium. Die Methode ist allerdings langwierig und verbraucht viel Wasser, weshalb man sich künftig auf die direkte Lithiumextraktion konzentrieren will.

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Unter Evo Morales, der von 2006 bis 2019 Präsident war, wurden Boliviens Lithiumvorkommen zu Staatsbesitz erklärt. Doch dem Land fehlen Geld, Technik und Know-how für die Förderung und Weiterverarbeitung. Daher ist es auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen angewiesen. Bedingung dafür sind Joint Ventures mit bolivianischen Unternehmen, die jeweils mindestens 51 Prozent der Anteile halten.

2023 und 2024 hat die Regierung in La Paz eigenen Angaben zufolge Vereinbarungen mit chinesischen und russischen Firmen getroffen, um Anlagen zur Lithiumgewinnung an mehreren Salzpfannen zu bauen. Dabei konzentriert sie ihre Anstrengungen inzwischen auf ein anderes Verfahren. Denn der Verdunstungsprozess dauert lange und verbraucht sehr viel Wasser – eine Ressource, die im Andenhochland knapp ist. Stattdessen wird nun die direkte Lithiumextraktion (DLE) vorangetrieben. Dabei wird der Rohstoff mittels eines Adsorptionsmittels direkt aus der Sole extrahiert und das Wasser anschließend zurückgeleitet. Die Methode gilt als wasserschonend und umweltfreundlich, sie ist wesentlich schneller und braucht weniger Platz als der Verdunstungsprozess. Zudem ist das gewonnene Lithium von großer Reinheit.

Zusätzlich zu den Vereinbarungen zum Bau von DLE-Anlagen gibt es nach Angaben des bolivianischen Energieministeriums eine Vereinbarung mit einer indischen Firma, um die Technik zur Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien in Bolivien aufzubauen, und einen chinesischen Interessenten, der eine Fabrik für Elektroautos in Bolivien bauen will. Doch so wie Ressourcen noch keine Reserven sind, sind Vereinbarungen noch keine Verträge – diese aber wiederum die Voraussetzung dafür, dass es eines Tages wirklich zur Produktion kommt.

Aus den Verhandlungen und Vereinbarungen mit diversen Interessenten sind bisher zwei Verträge für die Errichtung von industriellen DLE-Anlagen am Salar de Uyuni hervorgegangen: einer mit der russischen Firma Uranium One, die zum Staatskonzern Rosatom gehört, und die andere mit einem chinesischen Konsortium. Zusammen sollen die Anlagen 49.000 Tonnen Lithiumkarbonat pro Jahr produzieren, bei einer Investitionssumme von insgesamt rund zwei Milliarden US-Dollar. Damit läge Bolivien nach aktuellem Stand gleichauf mit Chile an Platz zwei der weltweiten Produktion, während nur 1,64 Prozent der Reserven im Salar de Uyuni genutzt würden.

Laut bolivianischem Gesetz müssen derartige Verträge vom Parlament abgesegnet werden. Das scheitert bislang an politischer Uneinigkeit und Kritik am Verfahren und einzelnen Vertragsinhalten. Derzeit ist unklar, ob die Verträge überhaupt abgesegnet werden und wann mit dem Bau begonnen werden kann.

Länderflaggen auf dem Salar de Uyuni

Länderflaggen auf dem Salar de Uyuni, das als touristisches Ziel unter anderem ein vollständig aus Salz errichtetes Hotel beherbergt.

| Credit: Nicholas Hollmann

Erklärtes Ziel Boliviens ist es, die gesamte Wertschöpfungskette für Lithium-Ionen-Batterien im eigenen Land aufzubauen. Auf keinen Fall will man den wertvollen Rohstoff an ausländische Firmen verkaufen, die sich womöglich daran bereichern, ohne dass Bolivien in nennenswertem Umfang profitiert. Mit dieser Art von Ausbeutung hat das Land schon in der Kolonialzeit schlechte Erfahrungen gemacht, als die Spanier ihren Reichtum auf den – damals weltgrößten – Silbervorkommen des Cerro Rico aufgebaut haben.

Für Bolivien besteht der Spagat darin, einerseits die Souveränität über die Ressourcen zu behalten und andererseits ausländische Investitionen anzulocken und einen Technologietransfer zu erreichen. Das glaubt man mittlerweile am ehesten mit befreundeten Staaten wie China und Russland meistern zu können, nachdem es Anfang der 1990er-Jahre einen ersten Versuch der Lithiumgewinnung mit einer US-Firma gegeben hatte und 2018 ein Joint Venture zwischen YLB und ACI Systems aus Baden-Württemberg geschlossen worden war. Letzteres wurde im politischen Krisenjahr 2019 jedoch seitens Boliviens wieder aufgekündigt.

Inzwischen möchte sich La Paz am liebsten vom Westen, insbesondere den USA und der „Diktatur des Dollars“, wie Präsident Luis Arce es formuliert, emanzipieren. Das Land orientiert sich anderweitig: Seit diesem Jahr ist es offizieller Partner des Staatenbundes BRICS, dem neben den namensgebenden Mitgliedern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika inzwischen auch Iran, Ägypten, Äthiopien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien angehören. Mit ihm teilt es die Ziele, ein Gegengewicht zum Westen und eine neue, multipolare Weltordnung zu schaffen und den Welthandel und das globale Finanzsystem unabhängig vom US-Dollar zu machen.

Das heißt aber nicht, dass die Tür für europäische Interessenten komplett verschlossen wäre. Bolivien hält sich alle Optionen für ausländische Investitionen offen. Im vergangenen Dezember schloss YLB Vereinbarungen mit drei internationalen Unternehmen, die sich auf eine Ausschreibung beworben hatten, um die Möglichkeit der Lithiumgewinnung in den bolivianischen Salzpfannen Coipasa, Pastos Grandes und Empexa zu erkunden. Es handelt sich um ein argentinisches und ein französisch-bolivianisches Unternehmen sowie um ein Konsortium aus dem australischen Bergbauunternehmen EAU Mining und der deutsch-australischen Firma Vulcan Energy Resources.

 „Unsere Rolle in dem Konsortium ist es, die Technologie zu liefern“, sagt Francis Wedin, Vorstandsvorsitzender von Vulcan Energy Resources. Derzeit läuft eine Testphase. Sollte diese positiv verlaufen, sei ein Joint Venture mit YLB geplant, um eine industrielle DLE-Anlage zu bauen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg: „Solch große Projekte können recht komplex zu finanzieren und zu bauen sein“, erklärt Wedin, „wir stehen da noch ganz am Anfang.“ Das Interesse aufseiten von YLB nehme er als sehr groß wahr. Allerdings: „Bolivien hat bisher nicht so wie andere Länder von seinen großen Lithiumvorkommen profitiert. Es muss sich schneller bewegen.“

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