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01.04.2024 VDE dialog

Circular Economy: Da geht noch was!

Nachhaltig produzieren und konsumieren – das ist längst kein exotisches Konzept mehr. Politik und Verbraucher drängen darauf, Materialien und Rohstoffe stärker als heute wiederzuverwerten. Doch das gelingt bisher nur bei einem kleinen Teil. Um Stoffkreisläufe aufzubauen und irgendwann auch zu schließen, müssen gewohnte Abläufe auf den Kopf gestellt werden.

Von Manuel Heckel

Der Schrottplatz als Startpunkt für das nächste Leben: Hier werden heute schon alte Autos in Einzelteile zerlegt, so gut wie möglich getrennt nach den verschiedenen Werkstoffen. Doch zurück in die Fahrzeugfertigung schafft es das Material nicht. Noch nicht: Das Forschungsprojekt „Car2Car“, an dem unter anderem die TU München, der Autokonzern BMW oder Stahlhersteller wie Aurubis oder thyssenkrupp beteiligt sind, will herausfinden, ob sich Aluminium, Stahl, Glas, Kupfer und Kunststoff so kleinteilig und sortenrein herausfiltern lassen, dass sie wieder für den Automobilbau verwendet werden können. Das Ziel: eine Art ewiger Kreisverkehr für Karosserie und Co.

Die Branche verspricht sich von dem ambitionierten Vorhaben mehrere Vorteile. Zum einen sichern sich Zulieferer und Hersteller den Zugriff auf wichtige Materialien, die sonst über komplexe und anfällige Beschaffungswege organisiert werden müssen. Zum anderen profitiert die Umwelt davon, dass nicht für jedes neue Fahrzeug neue Rohstoffvorhaben angezapft werden müssen. „Eine stärkere Kreislaufwirtschaft, die Ressourcen schont und wiederverwertet, ist ein wichtiger Schritt hin zur Klimaneutralität und sichert gleichzeitig Lieferketten ab“, sagte Michael Kellner, parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium von den Grünen, zum Start des „Car2Car“-Projektes im Frühjahr 2023.

Die EU will das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung entkoppeln

Nicht nur im Fahrzeugbau: Immer intensiver arbeiten Unternehmen daran, Rohstoffe und Materialien länger zu verwenden. Gehen einzelne Komponenten kaputt, soll das nicht gleich das Ende eines Produktes bedeuten. Und wird ein Gegenstand als Ganzes aussortiert, soll es für dessen Einzelteile weitergehen. Aus Einbahnstraßen – von der Produktion in die Müllverbrennungsanlage – werden so im Idealfall geschlossene Kreisläufe. Noch ist das die Ausnahme. In der EU werden aktuell weniger als zwölf Prozent der verwendeten Materialien wiederverwendet, Deutschland liegt nur knapp über dem Unions-Schnitt. Das ehrgeizige Ziel: Bis zum Jahr 2030 sollen 23,4 Prozent der innerhalb der EU verarbeiteten Materialien aus sogenannten Sekundärrohstoffen bestehen.

Eine Mammutaufgabe, die Politik und Gesellschaft ebenfalls fordert. Denn sie bringt mit sich, dass sich über Jahrzehnte ausdefinierte Abläufe ändern müssen. „Das Thema ist so groß, dass es niemand in seinem individuellen Silo schaffen kann“, sagt Dr. Carsten Gerhardt, Geschäftsführer der Initiative „Circular Valley“, die Konzerne, Mittelständler und Start-ups zusammenbringt und mit der Politik vernetzt. Dabei verschieben sich die Begriffe: Lange deckte die Überschrift Recycling vieles ab. Das Schlagwort Kreislaufwirtschaft setzt ebenfalls bei der Verwertung von Materialien an, umfasst aber auch das Vermeiden von Abfällen und eine neue Verwendung.

Videointerview mit Circular-Economy-Expertin Armida Hemeling

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VDE
27.03.2024 Video

Armida Hemeling, geschäftsführende Gesellschafterin der Goduni International GmbH, über den Umbau von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaft, einen fairen Ausgleich zwischen Industrie- und Verbraucherinteressen und die Bedeutung von gemeinsamen Normen und Standards.

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Zunehmend gewinnt die ganzheitliche Vision der „Circular Economy“ an Bedeutung: Hier stehen einzelne Teile und deren Lebenszyklen im Vordergrund – von der Rohstoffgewinnung über das Design und die Produktion bis in die nächste Verwertungsstufe. In der Praxis verschwimmen die Grenzen zwischen diesen Begriffen zwar immer wieder, aber die Richtung ist eindeutig: „Das Produkt von heute ist der Rohstoff von morgen“, formuliert es die DKE.

Die Bedeutung des Themas nimmt stetig zu. Erstens steigt das Interesse von Unternehmen, sich neue Zugriffsmöglichkeiten auf dringend benötigte Rohstoffe zu sichern. Zweitens fordern Verbraucher stärker ein, dass sich Firmen konsequenter der Nachhaltigkeit verschreiben. Und drittens sorgt die Politik dafür, dass sich die Wirtschaft intensiver mit geschlossenen Kreisläufen auseinandersetzen muss. Die EU definiert die Circular Economy als das Ziel, das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung zu entkoppeln, also dass steigende Wirtschaftsleistung nicht mit mehr Ressourcenverbrauch einhergeht – und hat sie als eine entscheidende Säule auf dem Weg zum „Green Deal“ definiert, der die Staatengemeinschaft bis 2050 zur Klimaneutralität bringen soll.

Hinter diesem großen Ziel verbergen sich jedoch viele Bausteine. Allein der 2020 verabschiedete „Circular Economy Action Plan“ der EU-Kommission umfasst 35 einzelne Maßnahmen. Darunter etwa die überarbeitete „Ökodesign-Verordnung (ESPR)“, die noch in diesem Sommer in Kraft gesetzt werden könnte: Die soll definieren, wie lange bestimmte Produktgruppen halten müssen, wie viel recycelbare Materialien sie enthalten müssen und welchen CO2-Fußabdruck sie haben dürfen. Bei Produktgruppen wie Möbel, Textilien oder Eisenbauteile muss dann zukünftig nachgewiesen werden, woher das Ausgangsmaterial stammt oder wie viel Rezyklate (wiederverwertete Kunststoffe) zum Einsatz kommen. Größeren Einfluss auf Verbraucher dürfte auch das „Recht auf Reparatur“ bringen: Verbraucher in der EU sollen künftig darauf bestehen dürfen, dass Staubsauger, Waschmaschinen oder Smartphones bei Defekten wieder instand gesetzt werden – auch über die gesetzliche Garantie hinaus. Das Europäische Parlament verspricht sich von diesem Schritt massive Einsparungen. Heutzutage entstehen laut EU-Berechnungen jährlich Emissionen von 265 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und 35 Millionen Tonnen Abfall, weil reparierbare Geräte weggeworfen werden müssen. Bisher werkeln vor allem ehrenamtliche Initiativen dagegen an (siehe Artikel auf Seite 30). Bis sich Reparaturkreisläufe etablieren, kann es einige Jahre dauern. Kurzfristig werde das alles nicht umgesetzt werden können, sagt Verena Dvořák, Kundenservice-Chefin der Handelskette Euronics, in einem Interview mit der „WirtschaftsWoche“: „Es wird nicht einfach ein Schalter umgelegt und auf einmal können wir jede Waschmaschine reparieren.“ Der Druck für die Hersteller nimmt jedoch langsam, aber stetig zu: „Regulatorik kann ein scharfes Schwert sein, um die Circular Economy voranzubringen“, sagt Circular-Valley-Geschäftsführer Gerhardt.

Grafische Darstellung von Aspekten der Kreislaufwirtschaft

Eine konsequente Kreislaufwirtschaft setzt beim Produktdesign an. Recycelt werden soll erst, wen die Wiederverwendung nicht klappt.

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Produkte so gut auseinandernehmen, wie wir sie schon zusammensetzen

Die große Herausforderung: Je geschlossener die Kreisläufe werden sollen, je mehr Schritte sie umfassen, desto komplexer wird die Umsetzung. Denn jede einzelne Stufe im Lebenszyklus von Produkten muss durchleuchtet werden. Schon bei der Verwertung ganz am Schluss gibt es dabei noch Herausforderungen, wie das Projekt „Car2Car“ beispielhaft zeigt: Schnell rutscht etwa beim Zerlegen von Elektroautos einiges an Kupfer mit in den Stahl – und macht ihn somit erst einmal unbrauchbar für eine erneute Verwendung. Forscher und Praxispartner arbeiten nun daran, mit neuen Robotern oder KI-Analysen die Materialreinheit zu erhöhen. Andere Sektoren stehen vor ähnlichen Herausforderungen: „Wir sind sehr gut darin, Produkte sorgsam zusammenzusetzen“, sagt Gerhardt, „jetzt geht es darum, sie mit einer ähnlichen Akribie wieder auseinanderzunehmen.“

Dazu kommen wirtschaftliche Fragen: Wie viel Aufwand rechnet sich aktuell bei der Wiederaufbereitung? Und wie verändert sich die Kalkulation in Zukunft, falls neue Vorgaben oder zusätzliche Abgaben dazukommen? Denn bei allen ökologischen Bemühungen müssen die Modelle auch wirtschaftlich funktionieren, um sich durchsetzen zu können. Es müsse dabei aber klar sein, schreibt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, „dass eine hundertprozentige Rückgewinnung der in den Abfällen enthaltenen Rohstoffe weder technisch möglich noch ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist“.

In einer Wirtschaftswelt, in der die meisten Schritte auf hochspezialisierte Partner verteilt sind, muss so immer wieder neu gerechnet und geplant werden. In Zukunft soll etwa im „digitalen Produktpass“ dokumentiert werden, welche Materialien und welche Eigenschaften ein einzelnes Produkt mitbringt (siehe Artikel auf Seite 27). Ohne diese Informationen geht spätestens beim dritten Besitzer die Transparenz verloren. Der Weg zur Circular Economy verlangt so ein Umdenken in allen Funktionen – bis hin zur Entwicklung: „Die Königsdisziplin ist es, beim Produktdesign anzusetzen und so zu gestalten, dass von vorneherein wenig Abfall anfällt“, sagt Dr. Tim Brückmann, Koordinator Umwelt und Nachhaltigkeit bei der DKE. „Hierzu bedarf es eines hinreichenden Repertoires an Normen und Standards, die Produkte, aber auch Prozesse verschiedener Unternehmen miteinander in Einklang bringen sowie Verfahren bieten, Kompatibilitäten zu bewerten.“

DKE, DIN und VDI arbeiten seit 2022 gemeinsam an einer „Normungsroadmap Circular Economy“. Denn um die ehrgeizigen Vorhaben der Politik in die Praxis zu übersetzen, sind Standards und Normen unerlässlich. Sie sind Startbedingung dafür, dass über Herstellergrenzen hinweg Produktbestandteile ausgetauscht oder wiederverwendet werden können. Ein Alltagsbeispiel ist eine einheitliche Ladebuchse für zahlreiche elektronische Geräte. Ab Dezember 2024 müssen etwa in Deutschland sogenannte elektronische Kleingeräte, also Smartphones oder Tablets, über einen USB-C-Anschluss verfügen. Die Hoffnung der Politik: Langfristig soll durch diese Vereinheitlichung Elektroschrott vermieden werden. Einzelne Branchen haben ebenfalls schon damit begonnen, Informationen entlang der Wertschöpfungskette auszutauschen. In der Automobilindustrie sollen im Projekt „Catena-X“ Daten von Zulieferern jeglicher Größe und Hersteller gebündelt werden – und so nicht nur die Planung vereinfachen, sondern Stoffkreisläufe in Zukunft überhaupt erst ermöglichen.

Circular Economy muss sich für Umwelt und Wirtschaft lohnen

Der erste Schritt hin zur Circular Economy mag für viele Unternehmen zunächst mehr Aufwand und Kosten bringen. Zumal sich viele Firmen zunächst klar werden müssen, welche Themen sie überhaupt in eigener Verantwortung angehen können – und wo sie auf Politik, Zulieferer oder Abnehmer reagieren müssen. Langfristig betrachtet entstehen aber Chancen, um neu über Partnerschaften und Wertschöpfungsketten nachzudenken.

Zudem werden in Zeiten von geschlossenen Kreisläufen neben dem eigentlichen Produkt die Prozesse dahinter immer elementarer. Ähnliche Strukturen entstanden beispielsweise bereits mit dem „Dualen System“ in der Verpackungsentsorgung. Wer genau verfolgt, welches Material sich wo befindet und wie von wem weiterverwendet werden kann, ist im Vorteil. Und kann sich leichter von der globalen Konkurrenz abgrenzen, die heute vielleicht Kostenvorteile vorweisen kann. Komplexe Produktionsketten erfordern besonders kluge Konzepte: „Dieses Wissen kann man nicht so leicht adaptieren“, ist DKE-Experte Brückmann überzeugt. Er sieht in der „Circular Economy made in Germany“ großes Potenzial: „Die Circular Economy kann zum wichtigen Label für die deutsche Wirtschaft werden.“

Manuel Heckel ist freier Wirtschaftsjournalist aus Köln.


Anfang 2023 wurde die Normungsroadmap Circular Economy von DKE, DIN und VDI vorgestellt. Das Dokument zeigt, wie nötig die Initiative ist: 222 Normungsbedarfe haben die Experten ermittelt. Dabei müssen gesetzliche Vorgaben mit den Realitäten der Praxis zusammengebracht werden.

https://www.dke.de/normungsroadmap-circular-economy

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