Prof. Dr. Michael Weyrich
Hans-Jürgen Schmitz, Martin Wolczyk / Adobe Firefly (Composing)
01.01.2024 VDE dialog

Ein starkes Netzwerk

Die Mess- und Automatisierungstechnik ist der Schlüssel für eine technologische, aber eben auch für eine nachhaltige Zukunft – meint  Prof. Dr. Michael Weyrich, Vorsitzender der VDI/VDE Fachgesellschaft GMA.

VDE dialog: Wofür steht das Kürzel GMA?

Prof. Dr. Michael Weyrich: Die GMA ist die Gesellschaft für Mess- und Automatisierungstechnik im VDI und VDE. Wir beschäftigen uns mit der Automatisierung von Prozessen, Maschinen und Anlagen. Zum Einsatz kommt sie vor allem in Fabriken, aber auch zum Beispiel im Auto. Stichwort autonomes Fahren. Und in dem zweiten großen Bereich, der Messtechnik, geht es vor allem um Sensorik und den korrekten Einsatz von Messgeräten. Erst mit Messtechnik kann man die Umwelt überhaupt  erfassen und bestimmen. Oder um es mal ganz plastisch zu sagen: Alle reden vom 1,5-Grad-Ziel beim globalen Temperaturanstieg. Doch ohne uns könnte man die 1,5 Grad noch nicht einmal messen.

Wie hat man sich die Arbeit in der GMA vorzustellen?

In der GMA geht es immer darum, Dinge, die im Maschinenbau, der Verfahrenstechnik, dem Automobilbau und ähnlichen Bereichen vorkommen, mit den Verfahren der Elektro- und Informationstechnik zu verbinden. Wir sind also so etwas wie der Klebstoff zwischen vielen Anwendungen. Dafür arbeiten wir interdisziplinär und im Netzwerk zusammen, auch über die Grenzen der Mess- und Automatisierungstechnik hinaus. Das Herz unserer Fachgesellschaft sind aber die rund 1500 ehrenamtlich Aktiven. Und dabei sind wir sehr basisdemokratisch organisiert. Das heißt, wenn jemand in einer Sitzung aufsteht, um ein Thema auf die Tagesordnung zu heben, und die anderen überzeugen kann, dann wird das auch so gemacht.

Wann und warum wurde die GMA gegründet?

Die GMA hat 2023 gerade erst ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Gegründet wurde sie noch unter dem Namen GMR, Gesellschaft  Mess- und Regelungstechnik. Das geschah unter dem Eindruck der ersten großen Automatisierungswelle in den Fabriken. Aber an der Namensänderung kann man schon erkennen: Wir erfinden uns quasi dauernd neu. Das liegt am technischen Fortschritt, für den wir als Fachgesellschaft selbstverständlich auch stehen. Und heute sind wir mit unseren Technologien einfach ganz woanders als damals in den 1970er-Jahren. Um diese Entwicklungen abzubilden, haben wir auch  kürzlich erst wieder unsere Struktur verändert und angepasst. Mit derzeit 53 aktiven Fachausschüssen, organisiert in fünf Fachbereichen, bilden wir nun die inhaltliche Breite der Mess- und Automatisierungstechnik ab.


Prof. Dr. Michael Weyrich im Videointerview

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VDE
18.12.2023 Video

»Wir haben den Schlüssel für eine technologische, aber eben auch für eine nachhaltige Zukunft!« Prof

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Was sind die  großen Themen, mit denen Sie sich momentan beschäftigen?

Alles wird digitaler, alles wird virtueller: lernende Systeme, autonome Systeme, Künstliche Intelligenz, Big Data, Automatisierungs-Engineering. Die Themen sind vielfältig und wir stehen quasi an der vordersten Front der technischen Entwicklung. Denn letztlich sind wir auch diejenigen, die das alles dann tatsächlich umsetzen und die dafür nötigen Regeln und Handlungsempfehlungen entwickeln. Und gleichzeitig wenden wir uns auch nicht von unseren klassischen Themen ab, die natürlich immer noch ihre Daseinsberechtigung haben.

Auf welche Errungenschaften der Vergangenheit können Sie mit Stolz zurückblicken?

Es gibt ganz viele Dinge, die es ohne die GMA bestimmt nicht geben würde – ohne da etwas Bestimmtes herausgreifen zu wollen. Wir haben allein rund 350 gültige VDI/VDE Richtlinien, die es ohne uns so nicht geben würde. Auch unsere Konferenzen sind sicherlich erwähnenswert, weil wir hier eine Plattform für den Austausch bieten und die Menschen aus unserem Fach zusammenbringen. Dieses Netzwerk macht die GMA aus. Und aus diesem Netzwerk heraus entstehen dann all die technischen Details, die für das Funktionieren dieser Technologien vonnöten sind.

Gelingt es Ihnen, sich ausreichend Gehör zu verschaffen?

Wir fühlen uns als GMA durchaus gehört – innerhalb der Community, in Wissenschaft und Industrie. Unsere Veranstaltungen sind gut besucht. Die Schriften, die wir herausgeben, werden gelesen. Und als die entscheidende Fachgesellschaft im Bereich Mess- und Automatisierungstechnik haben wir natürlich auch eine entsprechende Wirkungskraft. Leider müssen wir aber manchmal auch feststellen, dass wir vonseiten der Politik und der Medien nicht die Wahrnehmung erfahren, die wir uns wünschen würden. Und auch unser Einfluss auf die Gesellschaft hält sich in Grenzen – was ein großes Problem ist: Früher waren wir bekannt für unsere Technikbegeisterung, galten als Volk der Tüftler und Erfinder. Doch gerade in Teilen der Jugend nimmt das leider immer mehr ab.

Wie groß ist das Problem des Fachkräftemangels?

Im Bereich der Mess- und Automatisierungstechnik gibt es einen wirklich dramatischen Fachkräftemangel. Wir brauchen ganz dringend mehr junge Leute, die sich für ein solches Studium entscheiden! Gründe, die für ein ingenieurwissenschaftliches Studium sprechen, gibt es genug: Erstens sind da natürlich die hervorragenden Berufsaussichten – nach ihrem Abschluss haben die Studierenden die freie Auswahl an attraktiven und eben auch lukrativen Jobangeboten. Zweitens sind die Themen extrem interessant und vielseitig. Wir sind der Schlüssel für eine technologische Zukunft, aber eben auch für eine nachhaltige Zukunft! Und drittens macht die Beschäftigung mit solchen Themen einfach auch sehr viel Spaß. Das ist ein Aspekt, der manchmal viel zu kurz kommt.

Warum ist die GMA eine Fachgesellschaft im VDE und VDI?

Wenn man gemeinsame Ziele hat, ist es natürlich sinnvoll, auch gemeinsam daran zu arbeiten. Und wir möchten gemeinsam die Technologie weiterentwickeln. Wir möchten Sicherheit bieten durch anerkannte Regeln der Technik. Wir möchten den Nachwuchs fördern. Wir möchten die gesellschaftlichen Probleme anpacken. Das gilt für die Zusammenarbeit von und mit VDE und VDI. Das gilt aber  genauso für die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachgesellschaften. Aus einem solchen Netzwerk kann  eine ungeheure Kraft entstehen!

Der VDE spricht von der „e-dialen Zukunft“. Welchen Beitrag leistet dafür die GMA?

Eine e-diale Zukunft ist eine, in der wir den Wohlstand in Deutschland halten und die Beschäftigung sichern können. Doch auch für unsere großen Ziele, die wir erreichen wollen, leisten wir einen wichtigen Beitrag – egal ob wir von der Kreislaufwirtschaft reden oder von der CO2-Reduktion. Ohne uns geht eigentlich gar nichts.

Die Fragen stellte Martin Schmitz-Kuhl


Prof. Dr. Michael Weyrich ist Direktor des Instituts für Automatisierungstechnik und Softwaresysteme an der Universität Stuttgart. Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA) ist er seit Anfang 2022.

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