Eine Person sitzt auf einer Bank und hält ein Handy in der Hand. Auf dem Bildschirm digitale Krankenakte.
© TeleClinic GmbH
16.09.2021 Plattformökonomie Publikation

Digitales Orchester

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens nimmt Fahrt auf. Ob aus vielen Einzelanwendungen bald ein großes Ganzes und aus Apps, Medizinprodukten und Patientendaten ein Orchester wird, ist unsicher. Vielleicht braucht es keinen Dirigenten, aber zumindest Plattformen, auf denen alle gemeinsam musizieren können.

von Philipp Grätzel von Grätz

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Wer im Netz schon mal einen Urlaub gebucht hat, der weiß, was eine Plattform ist: Sie verschafft problemlosen Kontakt zu Hunderten Besitzern von Ferienwohnungen, ermöglicht Terminbuchungen, wickelt über Dienstleister die Abrechnung ab und bietet den kurzen Draht zu Anbietern von Zusatzservices wie Versicherungen, Mietwagen oder Freizeitangeboten vor Ort. Alles das geht sehr schnell, ist komfortabel und greift oft perfekt ineinander.

Im Gesundheitswesen ist das anders. Da kann ein Patient mit Diabetes vielleicht Daten des Blutzuckermessgeräts an seinen Diabetologen übermitteln. Aber für den Hausarzt oder das Krankenhaus braucht es einen anderen Kanal. Da werden Kontaktdaten im Rahmen der Corona-Pandemie ans Gesundheitsamt einzeln durchtelefoniert. Da laufen im Fall von Engpässen bei Blutkonserven die Telefone heiß, weil keine Blutbank weiß, was die andere auf Lager hat. Da fahren Patienten 45 Minuten zum Sanitätshaus und stellen fest, dass ihr Hilfsmittel gerade nicht vorrätig ist.

Plattformen im deutschen Gesundheitswesen? Fehlanzeige!

All das ist im 21. Jahrhundert komplett unnötig. Es lässt sich durch digitale Plattformen lösen, die offen sind und sich nicht abschotten. Das ist im Prinzip auch jedem klar. Was nicht so ganz klar ist: Wie kommt Deutschland da hin? Die Antwort des scheidenden Bundesgesundheitsministers lautete: Viele digitale Anwendungen einführen und hoffen, dass daraus ein interoperables Ökosystem entsteht. Teil eins hat funktioniert, Teil zwei bisher weniger. So gibt es heute digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die auf Papier rezeptiert werden. Es wurde eine elektronische Patientenakte (ePA) eingeführt, die kaum mit medizinischen Einrichtungen kommuniziert. Zum 1. Januar 2022 kommt das E-Rezept in einer staatlichen App, die weder mit Medikationsplänen noch mit den DiGA interagieren kann. Diabetes-Ärzte nutzen teils fünf verschiedene Cloud-Plattformen – aber keine kann mit der ePA der Krankenkassen auch nur das Geringste anfangen. Alles nicht optimal.

Aber ist das nicht auch in anderen Ländern so? Ibo Teuber, Director Healthcare bei Deloitte, nennt als Positivbeispiele Israel und die USA, wo es leistungsstarke digitale Versorgungsplattformen gebe, die rege genutzt würden. Das funktioniere, weil Health-Maintenance-Organisationen (HMO) sowohl Kostenträger als auch Anbieter von medizinischen Dienstleistungen seien – und sich für den Aufbau digitaler Plattformen zuständig fühlten, weil sie davon profitierten.

In Deutschland dagegen gibt es gesundheitssystembedingt bisher niemanden mit übergeordnetem Interesse an solchen Plattformen. Was es gibt, sind zwei Denkschulen. Die eine geht davon aus, dass sich die Plattformen quasi von selbst aus der Industrie entwickeln werden. Das tun sie aber nicht. Beispiel Diabetes: Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) versucht derzeit, dem Chaos bei diabetischen Cloud-Plattformen die Stirn zu bieten, indem sie semantische und technische Standards für eine Diabetes-Plattform vorantreibt, die „elektronische Diabetesakte“ (eDA). Nötig sei das geworden, weil die IT-Hersteller sich nicht auf ein einheitliches Vorgehen verpflichten ließen, sagt Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland von der DDG. Nachdem die Fachgesellschaft schon 2017 einen Code of Conduct für digitale Diabetes-Tools formuliert hatte, ging sie auf die IT-Hersteller zu: „Das war teilweise schon etwas bemerkenswert“, so Müller-Wieland. Man sei regelrecht ausgelacht worden. Damit soll Schluss sein: „Wir werden eine sehr klare Erwartungshaltung formulieren. Es gibt sicher Anbieter, die meinen, sie können alles weiterhin unabhängig machen. Die Stärke einer durch eine DDG vorangetriebenen eDA ist, dass wir politisch und inhaltlich ein gewisses Gewicht bekommen.“

Kardiologische Versorgungsplattformen ab 2022?

Vor dem Hintergrund dieser Konfliktlinien gilt Diabetes als ein Testfeld, auf dem sich in den nächsten Jahren erweisen wird, wie ernst es dem deutschen Gesundheitswesen mit der Etablierung von Plattformen ist, die diesen Namen verdienen. Zwei weitere Testfelder sind die telemedizinische Versorgung von Herzpatienten und die elektronische Verordnung. Die Herzpatienten sind deswegen interessant, weil das Telemonitoring bei der Herzinsuffizienz laut Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses von Dezember 2020 eigene Abrechnungsziffern bekommt. „Ein Start in der Fläche ist im ersten Halbjahr 2022 realistisch“, sagt Thomas Bodmer von der DAK. Die Krankenkasse wird die bisherigen Telemedizinverträge dann auslaufen lassen. Anders gesagt: Insellösungen verschwinden, eine für (alle) Kardiologen, (alle) Versicherten und (viele) Anbieter offene Plattform soll entstehen.

Bodmer erwartet, dass nicht nur klassisches Telemonitoring über die neuen Kardioplattformen abgewickelt wird, sondern dass auch zum Beispiel DiGA mit den Plattformen interagieren können. Das macht Sinn: Bei wem ein Herzinsuffizienz-Telemonitoring nötig ist, bei dem wird unter Umständen auch die Lebensqualität abgefragt werden. Dafür bietet sich eine Patienten-App genauso an wie für Lebensstilprogramme.

Tatsächlich wurde Anfang August vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die erste Rauchentwöhnungs-App als DiGA offiziell zugelassen. Vielleicht wird die ja irgendwann an künftige Kardioplattformen andocken. Ob sich auch um elektronische Verordnungen herum plattformartige Strukturen entwickeln werden, ist noch etwas unsicherer. Digitalkonzerne wie das Schweizer Unternehmen Zur Rose setzen darauf. Die ehemals reine Versandapotheke positioniert sich mittlerweile als digitaler Plattformanbieter rund um Arzneimittel. Über die Tochter eHealth-Tec engagiert sich Zur Rose bei elektronischen Rezepten. Und in Spanien haben die Schweizer schon vor Jahren den Marktplatz PromoFarma gekauft, wo über 800 Apotheken Produkte und Dienstleistungen anbieten.

Ohne E-Rezept bleibt es bei Luftschlössern

Auch in Richtung Telemedizin strecken die Schweizer ihre Fühler aus: Sie haben den deutschen Telemedizinanbieter TeleClinic übernommen – wieder mit dem Plattformgedanken im Hinterkopf. „Die Idee der TeleClinic-Akquisition war keinesfalls, dass Rezepte automatisch in unsere Versandapotheken geleitet werden. Das wäre wirklich dümmlich“, so Zur Rose CEO Walter Oberhänsli. „Wir wollen uns in Richtung eines Ökosystems entwickeln, das unsere Kernleistung mit zusätzlichen Services anreichert. Da ist Telemedizin ein wichtiger Schritt, aber die Wahlfreiheit bleibt immer erhalten.“ Klar ist: Ohne das E-Rezept, das (vielleicht) Anfang 2022 eingeführt werden soll, bleiben alle Plattformpläne Luftschlösser.

Eines der Kernprobleme beim Aufbau digitaler Plattformen im deutschen Gesundheitswesen bleibt, dass immer noch viel zu viele Daten analog vorliegen. Das gilt für Rezepte, es gilt aber auch für die Rettungsmedizin, konkret die Versorgung mit Blutkonserven, die im Sommer 2021 einmal mehr nahe am Kollaps war. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert im KI-Innovationswettbewerb seit Juni 2021 das Projekt ResKriVer. Es entwickelt anhand von fünf Szenarien eine digitale Plattform für krisenrelevante Versorgungsnetze – darunter auch die Versorgung mit Blutkonserven.

ResKriVer will versorgungsrelevante Informationen zusammenführen und mit intelligenten Algorithmen auswerten, sagt Prof. Dr. Thomas Hoppe, Projektleiter bei Fraunhofer FOKUS. Mithilfe semantischer Modelle, Simulationen und maschinellem Lernen sollen wichtige „Versorgungsknoten“ identifiziert und potenzielle Engpässe vorhergesagt werden, für die dann präemptiv Krisenstrategien entwickelt werden können. So kann bei einer „echten“ Katastrophe gezielter und schneller agiert werden.

Illustration eines futuristischen OPs in der Bildmitte.

Zulassung von Medizinprodukten

Illustration eines futuristischen OPs in der Bildmitte.

Licht im Dschungel

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Ein ausführliches Interview mit Dr. Cord Schlötelburg, Leitung VDE HEALTH, lesen Sie hier:

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Die Plattform als Antidot gegen verkrustete Strukturen

„Vom konventionellen Supply Chain Management unterscheiden wir uns vor allem dadurch, dass wir nicht die Perspektive eines einzelnen Unternehmens einnehmen, sondern quasi die Perspektive der Gesamtwirtschaft“, so Hoppe. Dabei stellt sich dann unter anderem die Frage, wer für diese Modellierungen zuständig ist. Das, unter anderem, soll im Projekt erarbeitet werden. Denkbar wäre zum Beispiel das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Hoppe und sein Team sind für Modellierung und Analytik zuständig, aber der Forscher macht keinen Hehl daraus, dass ein Kernthema bei ResKriVer darin besteht, krisenrelevante Bereiche überhaupt erst einmal zu digitalisieren. „Wenn wir das Beispiel Blutkonserven nehmen, da kommt teilweise Technologie aus den 60er- und 70er-Jahren zum Einsatz, das ist schon erschreckend.“ Anders ausgedrückt: Gäbe es bei den Blutkonserven schon zeitgemäße digitale Plattformen, dann wären die wiederkehrenden Sommerengpässe vielleicht gar kein so großes Thema. Digitale Plattformen, das wird hier wie anderswo deutlich, können auch als Antidot gegen Strukturen gesehen werden, die eher der Absicherung einzelner Einflussbereiche als der Sache dienen.

Autor:

Philipp Grätzel von Grätz ist Chefredakteur von E-HEALTH-COM und schreibt als freier Journalist über medizinische Themen und Technikthemen.