Die Wappen der Städte Berlin und München kämpfen symbolisch für den Wettstreit um den Rang der besten Technik-Stadt Deutschlands
Landesarchiv Berlin (l.), Stadtarchiv München (r.), (Montage)
12.07.2021 Städtevergleich Publikation

Berlin v München

In Städterankings belegen regelmäßig Berlin und München die vorderen Plätze. Aber wer hat als Technologiestandort die Nase vorne: die Bayerische Landeshauptstadt, Sitz namhafter Großunternehmen? Oder doch eher die Bundeshauptstadt, in der die Tech-Start-ups nur so sprießen?

Von Martin Schmitz-Kuhl

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Chefredakteurin VDE dialog

Eigentlich ist es ja egal, wer die deutsche Technologie-Hauptstadt Nummer 1 ist. Und eigentlich müsste man sich ja auch eher freuen, dass es neben Berlin und München hierzulande noch viele weitere Orte gibt, in denen es große Unternehmen, renommierte Universitäten und eine Vielzahl dynamischer Start-ups gibt. Hamburg, Stuttgart und Dresden zum Beispiel, genauso aber auch kleinere Städte wie Darmstadt und Erlangen. Wenn es trotzdem immer wieder auf diesen Zweikampf der beiden Metropolen hinausläuft, dann liegt es zum einen daran, dass solche Duelle stets spannend und aufregend sind. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass das Rennen zwischen den beiden tatsächlich äußerst knapp ist. Inzwischen.

Denn wenn man vor 100 Jahren gefragt hätte, wer in Sachen Technologie in Deutschland die Nase vorne hat, wäre sicherlich niemand auf die Idee gekommen, überhaupt nur seinen Blick Richtung Süden zu richten. Ganz Bayern war damals nämlich eher landwirtschaftlich geprägt und München konnte als Technologie- und Industriezentrum weder mit Berlin und Hamburg noch mit den Metropolen an Rhein und Ruhr mithalten. Das änderte sich allerdings mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, denn große Unternehmen wie Siemens siedelten von der Spree an die Isar über. Zeitgleich ließ sich auch die Max-Planck-Gesellschaft in der Landeshauptstadt nieder; in den Folgejahren entstand dort die höchste Dichte an Forschungseinrichtungen in der gesamten Bundesrepublik. Schnell galten die Bayern als Profiteure der deutschen Teilung, zumal München kaum über zukunftsschwache Wirtschaftszweige verfügte – wie etwa das Ruhrgebiet mit seiner einseitig ausgerichteten Schwerindustrie. Stattdessen entwickelte sich die Stadt zu einem Spitzenstandort für den Fahrzeug- und Maschinenbau, die Elektrotechnik sowie später für die Software- und IT-Industrie.

Berlin, einst Hotspot der (Elektro-)Industrie

Porträtbild von Dr. Thomas Prüver, Partner und Start-up-Experte bei Ernst & Young

»Berlin ist eindeutig die Hauptstadt der Tech-Start-ups. München folgt mit weitem Abstand auf Platz 2.« Dr. Thomas Prüver, Partner und Start-up-Experte bei Ernst & Young

| Ernst & Young

Und die Technologie- und Industriehistorie von Berlin? Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Hauptstadt zum größten Industriezentrum des Deutschen Reichs entwickelt. Anfangs war es vor allem der Maschinenbau, der dann aber später durch die Elektroindustrie als führender Industriezweig überflügelt wurde. Siemens und AEG, aber auch Mittel- und Kleinbetriebe prägten diese Industrie. Während sich dieser Boom nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fortsetzte und die Vormachtstellung als Industriestandort behauptet werden konnte, brach er mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs völlig in sich zusammen. Weite Teile der Industrie waren zerstört oder wurden demontiert. Und als dann noch die Mauer gebaut wurde, halfen selbst hohe Subventionen nicht mehr, um den Elektro- und Industriestandort zu retten.

Mit Öffnung der Grenzen 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde diese Entwicklung zunächst einmal nicht gestoppt, sondern fortgesetzt. Beschleunigt wurde der Strukturwandel durch den raschen Abbau der Berlinförderung im Westen der Stadt sowie den Zusammenbruch der Großkombinate im Ostteil. Zählte die Berliner Industrie 1989 noch 378.000 Beschäftigte (fast 173.000 im Westteil, knapp 206.000 im Osten), sind es heute keine 80.000 mehr. Seit dem neuen Jahrtausend erlebt die Berliner Industrie jedoch eine kleine Renaissance. Sie ist „gesundgeschrumpft“, modernisiert und wettbewerbsfähig. Berlin gilt plötzlich wieder als Boomtown und hat sich wieder als starker Standort für Innovation und Entwicklung etabliert.

Wer von den beiden Metropolen heute als Technologiestandort führend ist, lässt sich nicht so leicht sagen. Vor allem hängt die Antwort von der genauen Fragestellung und den zugrunde liegenden Kategorien und Indikatoren ab (vergleiche auch Ranking-Kasten auf Seite 32). Eine der wenigen Studien, die versucht, die Performance und das Potenzial der Städte als Technologiestandorte etwas grundsätzlicher zu ergründen, ist von 2018 und stammt von Deloitte, dem weltweit größten Unternehmen für Management- und Strategieberatung sowie Wirtschaftsprüfung.

Nach dieser Untersuchung ist München der mit Abstand wichtigste deutsche Tech-Hub. Die Stadt belegt in elf der 15 Indikatoren den ersten oder zweiten Platz und führt damit sowohl im Status- wie im Potenzialindex. „Dass München deutlich vor Berlin liegt, ist vor allem darin begründet, dass München sowohl in den originär digitalen Industrien (IKT) wie auch in den MINT-Berufen in der gesamten städtischen Wirtschaft deutlich mehr Beschäftigte aufweist“, erklärt Dr. Alexander Börsch, Chefökonom und Leiter Research bei Deloitte Deutschland. So läge die Zahl der IKT-Beschäftigten bei 141.000 und die Zahl der MINT-Beschäftigten bei 358.000. Das sind jeweils gut 30.000 mehr als in Berlin – und das, obwohl die Hauptstadt mehr als doppelt so groß ist. Trotz dieses sehr hohen Levels liegt München auch bei der Dynamik der MINT-Beschäftigung an der Spitze. Dasselbe gilt für den Anteil der komplexen MINT-Berufe, die Reputation der Universitäten sowie die erwartete Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt bis 2030, so die Studie.

In München sitzen die großen Konzerne

Porträtbild von Johannes von Borries, Geschäftsführer von UVC Partners

»Die Frage ist, was man als Tech-Start-up bezeichnet. Im B2B-Bereich liegt München weit vor Berlin.« Johannes von Borries, Geschäftsführer von UVC Partners

| UVC Partners

Diese Zahlen kommen natürlich nicht von ungefähr. Nirgendwo gibt es mehr Topkonzerne aus den Bereichen Fahrzeug- und Maschinenbau, Elektrotechnik sowie Software- und IT-Industrie als in München. Mit Siemens, Siemens Energy, Infineon, BMW, Linde und MTU hat die Stadt allein ein halbes Dutzend Technologiekonzerne, die im DAX gelistet sind. Hinzu kommen die großen IT-Konzerne aus den USA, die ihre hiesigen Niederlassungen fast ausnahmslos in oder in der Nähe von München haben – von Google und Microsoft bis AMD und Adobe. Und natürlich Apple! Das Unternehmen ist seit 40 Jahren in München präsent, 1981 hat es dort die erste Niederlassung gegründet. Damals startete das Unternehmen mit zehn Mitarbeitern, schon bald werden es fast 1500 sein. Denn der Konzern wird München zu seinem europäischen Zentrum für Chipdesign ausbauen und dafür in den kommenden drei Jahren über eine Milliarde Euro investieren.

Hinzu kommen weitere Milliarden aus der Staatskasse. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie entschied die bayerische Staatsregierung nämlich im September vergangenen Jahres, die 2019 beschlossene und ohnehin schon ehrgeizige Technologieoffensive „Hightech Agenda Bayern“ weiter aufzustocken. Nun sollen rund drei Milliarden Euro investiert werden, um den Forschungs- und Technologiestandort weiter auszubauen.

Und Berlin? Dessen Regierender Bürgermeister a.  D. Klaus Wowereit sagte bekanntlich einmal, die Hauptstadt sei „arm, aber sexy“. Da ist durchaus etwas dran. So sind vor der Corona-Krise jährlich etwa 40.000 bis 50.000 Menschen nach Berlin gezogen. Lebendigkeit und Freiheit, Lifestyle und Kultur, Diversität und Internationalität: Das sind die Pfunde, mit denen die Hauptstadt gerade in der Kreativwirtschaft wuchern kann. Nicht umsonst haben mit Universal Music und Sony inzwischen zwei der drei weltweit umsatzstärksten Musikfirmen ihren Hauptsitz an der Spree. Doch nicht nur Kreative, sondern Fachkräfte und vor allem Gründer aus allen Bereichen zieht es dorthin. Mit rund 500 Start-up-Gründungen pro Jahr ist Berlin unangefochtene Start-up-Hauptstadt in Deutschland. Zum Vergleich: Hamburg, München und Frankfurt kamen 2019 auf kaum mehr als 500 Gründungen. Zusammen!

Im Zweikampf der Metropolen ist Bewegung

Gerade in den Bereichen E-Commerce ist Berlin stark. Nach Zahlen der Investitionsbank Berlin lassen sich rund 15 Prozent des Berliner Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre auf die Digitalwirtschaft zurückführen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von mehr als 10 Prozent. 2018 hat die Branche rund 6,4 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung erwirtschaftet, so das Kreditinstitut. Allein: Diese Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berlin zwar mit einer Nähe zur Macht punkten kann, die Nähe zur Industrie aber nun einmal fehlt. Das mag egal sein, wenn man eine Online-Bestellplattform für Essen entwickeln will – wie Delivery Hero, dem einzigen Tech-DAX-Konzern aus Berlin –, aber eben nicht, wenn man als Ingenieur oder auch als Gründer in der Elektrotechnik oder im Maschinen- und Fahrzeugbau arbeiten möchte. Deshalb war es zwar durchaus ein Triumph für Berlin, als Siemens Energy verkündete, mit der Zentrale von München in die Hauptstadt zu ziehen. Allerdings werden in der Nähe der Macht schlussendlich nur rund 150 der mehr als 90.000 Mitarbeiter arbeiten.

Dennoch ist Bewegung drin, im Zweikampf zwischen München und Berlin. Und die entscheidende Schützenhilfe bekommen die Berliner ausgerechnet aus dem Umland. Vor den Toren der Stadt in Grünheide entsteht nämlich gerade die Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg, in der schon sehr bald die ersten Model Y vom Band laufen sollen. Elon Musk verspricht eine Mitarbeiterzahl „im fünfstelligen Bereich“. Zum Vergleich: Im BMW-Stammwerk in München arbeiten rund 8000 Mitarbeiter.

Studien: Es kann nur eine geben!

Städterankings sind beliebt. Das Bild, das sie zeichnen, ist jedoch diffus. Ein klarer Sieger im Städteduell zwischen München und Berlin ist zumindest nicht zu erkennen – durchaus aber Vorteile für die Bayern.

EY: Start-up-Hauptstadt Berlin

Wenn es nach dem Geld geht, das Start-ups von Kapitalgebern bekommen, gibt es eine klare Start-up-Hauptstadt. Denn 64 der 100 bestfinanzierten Technologie-Start-ups kommen aus Berlin. Oder in Euros ausgedrückt: 9,5 Milliarden Euro Risikokapital flossen in den vergangenen Jahren in die Hauptstadt. München ist zwar mit 21 Start-ups (und 2,9 Milliarden Euro) auf Platz 2 des Rankings – aber mit großem Abstand.

https://go.ey.com/3gW3m6p

Startup Genome: Berlin verliert

Der Global Startup Ecosystem Report vergleicht die Voraussetzungen für Start-up-Erfolge, also zum Beispiel die Anschubfinanzierung und die lokale Vernetzung. Die gute Nachricht für Berlin in der Städtekonkurrenz zu München: Die Hauptstadt ist auf Platz 16 und damit 15 Plätze vor den Bayern. Die schlechte Nachricht ist aber, dass Berlin innerhalb von drei Jahren um neun Plätze abgerutscht ist.

https://bit.ly/2RnsJ6e

Top 50 Start-ups: Unentschieden

Die junge Plattform „Top 50 Start-ups“ beobachtet die innovative Gründerszene. Für ein Städteranking wurden jetzt die besten Start-ups aus den vier vergangenen Jahren ausgewertet. Das Ergebnis: Jeweils 35 der insgesamt 200 Preisträger kommen aus Berlin und München. „Damit müssen sich die beiden Metropolen den Titel der deutschen Start-up-Hauptstadt teilen“, heißt es auf der Webseite.

https://bit.ly/3xV7Osa

WiWo: Lebenswerteres München

Wie lebt und arbeitet es sich in deutschen Großstädten? Dieser Frage geht die WirtschaftsWoche in ihrem Städteranking nach. Dafür nutzt sie eine umfassende Indikatorenbasis für die Kategorien Status quo (Niveau), der Entwicklung (Dynamik) und dem aktuellen Stand der Nachhaltigkeit. Das Ergebnis ist eindeutig: München liegt im aktuellen Ranking nicht nur in allen drei Kategorien vor Berlin, sondern bei Niveau und Dynamik sogar insgesamt auf Platz 1.

https://bit.ly/3nLSMQT

DDW: Weder München noch Berlin

Seit 2017 erscheint das Standortranking der Internetplattform DDW (Die Deutsche Wirtschaft). Mit dem Ranking soll herausgefunden werden, wo sich Unternehmer und Unternehmen besonders wohlfühlen. Und hier führt, dem Ranking zufolge, nicht München (Platz 2) oder Berlin (Platz 3), sondern Hamburg. Selbst im Bereich der zukunftsorientierten Unternehmen (dazu gehören unter anderem Elektrotechnik und Maschinenbau) sollen die Hanseaten knapp vorne liegen.

https://bit.ly/3edf9LQ

Bitkom: Berlin unter „ferner liefen“

Der Branchenverband Bitkom hat 2020 einen Smart City Index erstellt. Dafür wurden in fünf Themenbereichen mehr als 11.000 Datenpunkte erfasst, überprüft und qualifiziert – von Online-Bürger-Services über Sharing-Angebote für Mobilität und intelligente Ampelanlagen bis hin zur Breitbandverfügbarkeit. Das Ergebnis ist für Berlin ernüchternd: Die Hauptstadt landete nur auf dem 7. Platz (absteigend), während München immerhin auf den 2. Platz kam (aufsteigend) – auch hier wieder hinter Hamburg.

https://bit.ly/2PS1Ffa

Universum: München beliebter

Einmal im Jahr erhebt die Employer-Branding-Beratung Universum die bei Uni-Absolventen beliebtesten Arbeitgeber des Landes. Die meisten von ihnen, 37 an der Zahl, sitzen dabei in München. Berlin ist mit 29 Nennungen nur auf Platz 2. Noch deutlicher wird der Unterschied im Bereich IT, wo der Großraum München das Ranking mit 14 Nennungen unangefochten anführt. Der Grund hierfür sind unter anderem die großen IT-Konzerne aus den USA, die sich auf den vorderen drei Plätzen finden (Google, Microsoft, Apple), aber auch weniger präsente Unternehmen wie Intel, AMD oder Adobe.

https://bit.ly/3ujCqRE

Deloitte: Tech-Hub München toppt

Das internationale Beratungsunternehmen Deloitte hat 2018 das letzte Mal die Performance und das Potenzial deutscher Metropolen als Technologiestandorte untersucht. Demnach ist insgesamt München der bedeutendste Tech-Hub in Deutschland. Die Stadt liegt sowohl beim Statusindex als auch beim Potenzialindex ganz vorne. Berlin ist der Studie zu Folge ebenfalls spitze – allerdings hinter München auf dem zweiten Platz.

https://bit.ly/3vKf5ZX

Das kontroverse Interview mit den beiden Venture-Capital-Experten lesen Sie online oder im VDE dialog E-Paper. http://www.dialog.vde.com/muc-ber

MARTIN SCHMITZ-KUHL ist freier Autor aus Frankfurt am Main und Redakteur beim VDE dialog.