Stapel von gebrauchten Elektronik- und Haushaltsabfällen
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29.09.2020 Fachinformation

ELEKTROMÜLL: Kreislauf der Zukunft

Knapp 54 Millionen Tonnen Elektroschrott sind 2019 weltweit angefallen. Nur ein Bruchteil davon findet den Weg in die Sammel- und Recyclingstationen. Die Folge sind wachsende Müllberge und der Verlust wertvoller Rohstoffe. Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft kann dieser Entwicklung entgegenwirken.

von GERD RÜCKEL

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Chefredakteurin VDE dialog

Die Zahlen sind alarmierend: Von 2015 bis 2019 ist die Menge an Elektroschrott laut dem E-waste Monitor 2020 der Global E-waste Statistics Partnership (GESP) um 21 Prozent auf 53,6 Millionen Tonnen weltweit gestiegen. Während mit rund 25 Millionen Tonnen fast die Hälfte davon in Asien entstanden sind, stammen gut 13 Millionen Tonnen aus Amerika, Südamerika und Kanada sowie weitere 12 Millionen Tonnen aus Europa. Afrika und Ozeanien kommen zusammen auf 3,6 Millionen Tonnen. Mit knapp 2 Millionen Tonnen gehört Deutschland zu den größten Schrottverursachern in Europa. In der Pro-Kopf-Betrachtung fällt die Bilanz noch ernüchternder aus: Da steht Deutschland zusammen mit den USA bei mehr als 20 Kilogramm Elektroschrott pro Einwohner. Europa kommt insgesamt auf 16,2 Kilogramm.

So weit der Status quo. Wird nicht weltweit gegengesteuert, dann könnte es nach Berechnungen der GESP bis zum Jahr 2030 zu einem weiteren Anstieg auf 74 Millionen Tonnen kommen. Das wäre eine Verdoppelung gegenüber 2014.

Alle entsorgten Produkte, die über einen Stromanschluss oder Batterie- beziehungsweise Akkubetrieb verfügen, gelten als Elektromüll. Neben den Elektrogroßgeräten wie Waschmaschinen und Kühlschränken sind dies demnach auch Handys, Taschenrechner und Lampen. Das erklärt das hohe Volumen. Doch sind nicht nur die reinen Abfallmengen das Problem: In den entsorgten Elektrogeräten befinden sich oftmals giftige Stoffe – wie etwa Quecksilber. Das gefährdet Umwelt und Gesundheit.

Außerdem produziert der Elektroschrott CO2-Emissionen. Experten geben zu bedenken, dass alleine die im Jahr 2019 auf dem Müllberg gelandeten Kühlschränke und Klimaanlagen für fast 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente verantwortlich waren. Das entspricht 0,3 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Zu guter Letzt landen bei der Entsorgung von Elektrogeräten edle Metalle auf dem Müll. Im Vorjahr wurden auf diese Weise rund 50 Milliarden Euro vernichtet.

Obsoleszenz – im Spannungsfeld zwischen Verschleiß und Innovation

Ursache für den zunehmenden Elektromüll ist die sinkende Nutzungsdauer bei Altgeräten und damit einhergehend ein schnellerer Austausch. Dieser Austausch wird als Obsoleszenz bezeichnet und zeigt sich in unterschiedlichen Facetten. Mitunter verwendet die Industrie minderwertige Materialien bei Verschleißteilen, die dann, früher oder später, zu einem Defekt – der werkstofflichen Obsoleszenz – führen. Steht eine mögliche Reparatur in einem ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnis zum Neukauf, wird von ökonomischer Obsoleszenz gesprochen. Wenngleich die Vernetzbarkeit der Elektrogeräte untereinander immer mehr steigt, können eingestellter Support oder fehlende Software-Updates der Hersteller ein technisch einwandfreies Gerät lahmlegen – und so zu einer funktionalen Obso­leszenz führen.

Der Vorwurf der von der Industrie geplanten Obsoleszenz ist hingegen nicht belegbar. In permanenten Analysen der Stiftung Warentest ließ sich nicht nachweisen, dass Elektrogeräte schneller oder häufiger kaputt gehen als früher. Das Umweltbundesamt fand zwar heraus, dass zwischen 2004 und 2012 die Nutzungsdauer von Elek­tro- und Elektronikgeräten in privaten Haushalten sank, Beweggründe für den Austausch waren aber oft der Verbraucherwunsch nach neuen technologischen oder optischen Trends – beispielsweise bei Flachbild-TVs.

„Obsoleszenz ist die Kehrseite von Innovation“, bringt es Holger Lange von der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE (VDE DKE) auf den Punkt und ergänzt: „Jede Innova­tion macht etwas obsolet. Zur Reduktion von Elektroschrott dürfen Innovationen nicht abgewürgt werden. Wir müssen aber die Auswirkungen der Obsoleszenz besser kontrollieren.“ Damit meint Lange ein Obsoleszenz-Management, das schon bei der Herstellung ansetzt. Geräte müssen reparierbar bleiben und Ersatzteile langfristig verfügbar sein. Um die Nutzungsdauer zu erhöhen, soll Innovation so gestaltet werden, dass ältere Systeme noch funktionieren.

Zukunftsmodell einer globalen, nachhaltigen Kreislaufwirtschaft

Das linearwirtschaftliche Modell, bei dem am Ende die Produkte entsorgt werden, ist überholt und passt nicht mehr in die klimasensible Landschaft. Viele Unternehmen haben bereits die nachhaltige Kreislaufwirtschaft für sich entdeckt. Im Idealfall eines geschlossenen Systems wird bereits bei der Herstellung auf eine lange Nutzungsdauer des Produkts geachtet. Das bedeutet, recyclingfähige Werk­stoffe einzusetzen, die Reparierbarkeit zu gewährleisten und Ersatzteile vorzuhalten.

Recycling Fabrik Elektronik
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Ein wichtiger Partner der Hersteller ist dabei das VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut: Es prüft die Recyclingfähigkeit eines Produkts und dokumentiert die anforderungsgerechte Zerlegung. Das ist erforderlich, um nach Ende des Produktlebenszyklus die gesetzlich geforderten Recyclingquoten zu erfüllen. Außerdem achtet das VDE Institut auf die vorgegebenen Zerlegungsschritte, um kritische beziehungsweise giftige Materialien zu entfernen. Eine ebenfalls sehr gewichtige Rolle im Modell der Kreislaufwirtschaft spielt die Materialeffizienz. Neue, effizientere Produkte und Produktionsverfahren reduzieren den Materialeinsatz und erleichtern das Recycling. Das verbraucht weniger Ressourcen, die dann für neue Technologien zur Verfügung stehen.

Das Geschäftsmodell der Hersteller muss zwingend über eine funktionierende Rücknahmelogistik verfügen. Auf das Sammeln der Altgeräte folgt das Recycling – doch da klemmt es in der globalen Betrachtung noch gewaltig: Laut dem E-waste Monitor 2020 werden gerade einmal 17,4 Prozent des weltweiten Elektroschrotts wieder aufbereitet. Der Rest landet auf der Müllhalde oder wird verbrannt. Der Kreis schließt sich aber nur dann, wenn recycelte Rohstoffe auch den Weg in die neuen Produkte finden.

Verbindliche Regeln für das Ideal einer ökologisch gestalteten Ökonomie

Ökonomie und Ökologie verfolgen die gleiche Stoßrichtung, wenn Hersteller durch die Kreislaufwirtschaft Wettbewerbsvorteile erlangen – beispielsweise durch den Zugang zu günstigeren Rohstoffquellen. Weitere Anreize, um das Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft zu beschleunigen und weg von den kurzlebigen Wegwerfprodukten zu kommen, sind staatliche Investitionsprogramme oder Steuererleichterungen für nachhaltiges Wirtschaften. Damit die globale Kreislaufwirtschaft funktioniert, werden für alle Marktteilnehmer verbindliche Regeln benötigt: Nachvollziehbare Gesetze mit klar formulierten Normen.

Im Oktober 2015 ist das Gesetz über das Inverkehrbringen, die Rücknahme und die umweltverträgliche Entsorgung von Elektro- und Elektronikgeräten, das sogenannte Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG), in Kraft getreten. Es setzt die Richtlinie 2012/19/EU der Euro­päischen Union, die WEEE-Richtlinie, in nationales Recht um. Die Regelung beinhaltet Kernziele für die Sammlung von Elektro­abfall, der Vorbereitung zur Wiederverwertung und für das Recycling. Ergänzt werden diese Vorgaben mit den neuen Verordnungen der Ökodesign-Richtlinie, die im Januar 2019 von allen EU-Mitgliedsstaaten vereinbart wurden. Ziel dieser Richtlinie ist es, ressourcenintensive Produkte durch effizientere zu ersetzen. Damit stellt erstmals eine Verordnung klare Anforderungen an die ­Reparier- und Recyclingfähigkeit von Haushaltsgeräten. Längere Produktlebenszyklen reduzieren die Elektroschrottmenge – das ist die eine Seite. Um die Sicherheit und Leistungsfähigkeit von den länger in Gebrauch befindlichen Elektro­geräten zu gewährleisten, bedarf es andererseits einer wirksamen Normierung.

Die International Electrotechnical Commission (IEC), die internationale Normierungsorganisation für Elektrotechnik und Elektronik, legt beispielsweise die Anforderungen für Produktaktualisierungen und Reparaturzyklen fest. Zudem berücksichtigt sie in ihren Normen den zukünftig höheren Anteil wiederverwerteter Materialien in neuen Produkten. So regelt die Norm IEC 62430 etwa die Anforderungen und Verfahren zur Einbeziehung von Umwelt­aspekten in die Gestaltung und Entwicklung von Produkten sowie für die Materialien und Komponenten, aus denen sie bestehen. Einen wichtigen Beitrag für diese sowie weitere Normen leisten die Experten von VDE DKE, die in den entsprechenden Komitees mitarbeiten.

Auf ihrem Weg in die Kreislaufwirtschaft erhalten Hersteller weitere Unterstützung vom VDE Institut. Es erstellt für seine Kunden produktspezifische Lebenszyklusanalysen – die sogenannten Ökobilanzen. Anhand dieser wird die Umweltwirkung eines Produkts von der Herstellung über den Gebrauch bis hin zur Verwertung aufgezeigt. Die Bewertung, die sich an der Ökodesign-Richtlinie orientiert, vergleicht unterschiedliche Produktkonzepte und liefert wichtige Ansatzpunkte, um zukünftige Elektrogeräte umweltverträglicher zu gestalten. Der Fokus liegt dabei auf dem CO2-Wert (Carbon Footprint).

Unsere Wirtschaft wird von Innovationen getrieben. Die Umweltbelastungen durch Material und Ressourcenverbrauch bei der Herstellung, Stromverbrauch und Treibhausgasemissionen bei der Produktnutzung sowie der anfallende Elektromüll bei der Entsorgung aber müssen reduziert werden. Reparierbarkeit, Materialeffizienz und Recycling stellen nur dann effektive Lösungen dar, wenn sie verbindlich geregelt sind und in einem integrierten System wirken. Das VDE Institut, VDE DKE und die IEC leisten mit ihren Dienstleistungen und Normierungen für die Industrie einen wichtigen Beitrag, um die Welt mit einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.


GERD RÜCKEL ist freier Journalist in Friedrichsdorf mit den Themenschwerpunkten Finanzen, grüne Investitionen und Umwelt.

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29.07.2020 TOP

Der VDE wirkt an der Nahtstelle zwischen Technologien, IT und Anwendung. Er führt bei Themen wie zuverlässige drahtlose Kommunikation, Robotik und autonome Systeme sowie IT-Sicherheit vernetzter System führende Experten und Anwender zusammen und verbreitert deren Wissensbasis. VDE|DKE engagiert sich aktiv in der Plattform Industrie 4.0. Mit der Deutschen Normungs-Roadmap hat sie einen wichtige Grundlage gelegt und das „Standardization Council Industrie 4.0“ gegründet.

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