Als Verteidigungsminister Boris Pistorius beim Weltraumkongress im vergangenen September eindringlich vor einer Bedrohung im All durch Russland und China warnte, horchte die Öffentlichkeit auf. „Satellitennetzwerke sind die Achillesferse moderner Gesellschaften. Wer sie angreift, legt ganze Staaten lahm“, so der Politiker. Entsprechend stellte er ein 35 Milliarden schweres Sicherheitspaket für Weltraumprojekte in Aussicht. Doch wie real sind diese Cyberangriffe im Weltraum? Welche konkreten Auswirkungen können Sabotageakte haben? Und wie ist Europa sicherheitstechnisch aufgestellt?
Diese Fragen lassen sich am besten vor Ort im neuen Cyber Security Operations Centre (C-SOC) der Europäischen Weltraumorganisation ESA beantworten, das im Mai 2025 im Europäischen Raumfahrtkontrollzentrum (ESA/ESOC) in Darmstadt eingeweiht wurde. Dort soll in einer sehr sensiblen geopolitischen Lage die Kritische Infrastruktur Europas im Weltraum vor Cyberangriffen geschützt werden.
Das europäische Pendant zum amerikanischen Houston ist in einem unspektakulär wirkenden Gebäude in einem Gewerbegebiet untergebracht. Doch nach dem Passieren der strengen Einlasskontrolle empfängt den Besucher ein geschäftiges Treiben. Die internationalen Mitarbeitenden diskutieren mehrsprachig über den in wenigen Tagen stattfindenden Start einer Ariane-6-Rakete. Zum dritten Mal in diesem Jahr soll eine Schwerlastrakete vom Startbahnhof der ESA-Trägerraketen in Kourou (Französisch-Guayana) abheben. Diesem Termin wird hier im Raumfahrtkontrollzentrum schon lange entgegengefiebert. Der Sentinel-1D Satellit ist Teil der Copernicus-Mission und soll unter anderem Daten für Katastrophenschutzteams, Umweltbehörden, Klimawissenschaftler und das Galileo-Navigationssystem liefern.
Gerade bei solchen öffentlichkeitswirksamen Raketenstarts sei die Bedrohungslage durch Cyberangriffe besonders hoch, erklärt Dr. Markus Rückert, Leiter des neuen C-SOC. „Der materielle und immaterielle Schaden, der durch einen missglückten Start entstünde, wäre kaum zu beziffern. Entsprechend sind wir in diesen Tagen besonders wachsam.“ Dabei droht nicht mehr nur Gefahr durch Kollisionen mit der stetig zunehmenden Zahl der staatlichen und privaten Satelliten im Orbit. Vor allem absichtlich herbeigeführte Bedrohungen stellen das ESOC vor Herausforderungen. Gleichzeitig nimmt die digitale Verwundbarkeit zu – allein ein Ausfall von Galileo und GPS würde Europa nahezu lahmlegen.
Die neue ESA-Sicherheitszentrale wurde ganz bewusst für zwei Standorte konzipiert: für Darmstadt und das belgische Redu. Während sich Belgien auf E-Mails und die Rechenzentren konzentriert, ist Deutschland für missionskritische IT-Systeme zuständig, die Satelliten steuern und wissenschaftliche Daten verarbeiten. Wobei jeder ESA-Standort in der Lage ist, den anderen bei Bedarf zu unterstützen und sogar zu ersetzen. Diese Redundanz ist ein wichtiger Aspekt der Resilienz und Handlungsfähigkeit. Gekostet hat die Entwicklung des neuen C-SOC etwa 26 Millionen Euro, die Vorlaufzeit betrug fünf Jahre und die Umsetzung erfolgte in Zusammenarbeit mit einem Industriekonsortium aus 19 europäischen Unternehmen.
Cyber Security Operations Centre (C-SOC) im Europäischen Raumfahrtkontrollzentrum
| ESA - J. MAI