Satellit im Weltall
ESA/MLABSPACE
01.01.2026 VDE dialog

ESA-Sicherheitszentrum: Europa wird auch im All verteidigt

„Darmstadt, wir haben ein Problem.“ Die Bedrohungslage durch Cyberangriffe steigt nicht nur auf der Erde an, auch der Weltraum ist betroffen. Doch Europa wappnet sich, wie ein Besuch im neuen Cyber Security Operations Centre der ESA zeigt.

Von Ulrich Erler

Als Verteidigungsminister Boris Pistorius beim Weltraumkongress im vergangenen September eindringlich vor einer Bedrohung im All durch Russland und China warnte, horchte die Öffentlichkeit auf. „Satellitennetzwerke sind die Achillesferse moderner Gesellschaften. Wer sie angreift, legt ganze Staaten lahm“, so der Politiker. Entsprechend stellte er ein 35 Milliarden schweres Sicherheitspaket für Weltraumprojekte in Aussicht. Doch wie real sind diese Cyberangriffe im Weltraum? Welche konkreten Auswirkungen können Sabotageakte haben? Und wie ist Europa sicherheitstechnisch aufgestellt?

Diese Fragen lassen sich am besten vor Ort im neuen Cyber Security Operations Centre (C-SOC) der Europäischen Weltraumorganisation ESA beantworten, das im Mai 2025 im Europäischen Raumfahrtkontrollzentrum (ESA/ESOC) in Darmstadt eingeweiht wurde. Dort soll in einer sehr sensiblen geopolitischen Lage die Kritische Infrastruktur Europas im Weltraum vor Cyberangriffen geschützt werden.

Das europäische Pendant zum amerikanischen Houston ist in einem unspektakulär wirkenden Gebäude in einem Gewerbegebiet untergebracht. Doch nach dem Passieren der strengen Einlasskontrolle empfängt den Besucher ein geschäftiges Treiben. Die internationalen Mitarbeitenden diskutieren mehrsprachig über den in wenigen Tagen stattfindenden Start einer Ariane-6-Rakete. Zum dritten Mal in diesem Jahr soll eine Schwerlastrakete vom Startbahnhof der ESA-Trägerraketen in Kourou (Französisch-Guayana) abheben. Diesem Termin wird hier im Raumfahrtkontrollzentrum schon lange entgegengefiebert. Der Sentinel-1D Satellit ist Teil der Copernicus-Mission und soll unter anderem Daten für Katastrophenschutzteams, Umweltbehörden, Klimawissenschaftler und das Galileo-Navigationssystem liefern.

Gerade bei solchen öffentlichkeitswirksamen Raketenstarts sei die Bedrohungslage durch Cyberangriffe besonders hoch, erklärt Dr. Markus Rückert, Leiter des neuen C-SOC. „Der materielle und immaterielle Schaden, der durch einen missglückten Start entstünde, wäre kaum zu beziffern. Entsprechend sind wir in diesen Tagen besonders wachsam.“ Dabei droht nicht mehr nur Gefahr durch Kollisionen mit der stetig zunehmenden Zahl der staatlichen und privaten Satelliten im Orbit. Vor allem absichtlich herbeigeführte Bedrohungen stellen das ESOC vor Herausforderungen. Gleichzeitig nimmt die digitale Verwundbarkeit zu – allein ein Ausfall von Galileo und GPS würde Europa nahezu lahmlegen.

Die neue ESA-Sicherheitszentrale wurde ganz bewusst für zwei Standorte konzipiert: für Darmstadt und das belgische Redu. Während sich Belgien auf E-Mails und die Rechenzentren konzentriert, ist Deutschland für missionskritische IT-Systeme zuständig, die Satelliten steuern und wissenschaftliche Daten verarbeiten. Wobei jeder ESA-Standort in der Lage ist, den anderen bei Bedarf zu unterstützen und sogar zu ersetzen. Diese Redundanz ist ein wichtiger Aspekt der Resilienz und Handlungsfähigkeit. Gekostet hat die Entwicklung des neuen C-SOC etwa 26 Millionen Euro, die Vorlaufzeit betrug fünf Jahre und die Umsetzung erfolgte in Zusammenarbeit mit einem Industriekonsortium aus 19 europäischen Unternehmen.

Blick ins Cyber Security Operations Centre

Cyber Security Operations Centre (C-SOC) im Europäischen Raumfahrtkontrollzentrum

| ESA - J. MAI

Grundsätzlich umfasst die Aufgabe des C-SOC den Schutz vor digitalen Angriffen auf die knapp 30 Satelliten im Wert von mehreren Milliarden Euro, die sieben Bodenstationen auf drei Kontinenten mit drei großen 35-Meter-Antennen sowie die Missionskontrollsysteme. Operativ beinhaltet das die Überwachung von Sicherheitsereignissen, die Bedrohungsanalyse, das Incident Management und die präventive Bedrohungsrecherche. Dabei reichen die Cyberrisiken von Ransomware bis zur gezielten Übernahme von Satelliten. „Woher die Angriffe kommen, und ob sie eher krimineller oder kriegerischer Natur sind, lässt sich gar nicht immer so genau sagen“, sagt Rückert. Klar ist aber: Russland und China haben ihre Fähigkeiten zur Kriegsführung im Weltraum rasant ausgebaut, so das Verteidigungsministerium.

Bereits vorhandene Sicherheitsaktivitäten wurden im neuen C-SOC zusammengeführt. Gearbeitet wird bereichsübergreifend, um gleichzeitig die IT im Büro, in den Rechenzentren und im Weltraum im Blick zu haben. Das ist insofern wichtig, weil sich Hackerangriffe immer an den Schwachstellen orientieren. Und das könnte beispielsweise ein harmlos erscheinendes Mailprogramm in der Verwaltung sein. Wenn eine Phishing-Aktion erfolgreich war, arbeitet sich der Angreifer schrittweise weiter in Richtung Satellitenkontrollsystem – der Fachbegriff dafür lautet Lateral Movement. Besonders kritisch sind sogenannte Lieferkettenangriffe (engl. supply chain attacks), bei denen Angreifer versuchen, über Zulieferer oder Software-Updates in die Systeme zu gelangen. „Um bei der Cybersecurity die richtigen Vorkehrungen zu treffen, muss das Undenkbare gedacht werden“, sagt Rückert. „Zumal die mehreren Tausend Hackerangriffe im Monat immer ausgeklügelter und raffinierter werden.“ Neben regelmäßigen Trainings bereiten sich die Security-Ingenieure durch Simulationen auf den Ernstfall vor, bei denen Vorfälle nachgestellt werden. Daraus lassen sich Eskalationsstufen definieren und Ablaufprotokolle entwickeln.

Das C-SOC befindet sich nur durch eine Glastür getrennt direkt neben dem Network Operation Centre (NOC). Dort steuern die Kolleginnen und Kollegen rund um die Uhr das weltweite Netzwerk der ESA-Bodenstationen, die wiederum den Kontakt zu den Satelliten im Orbit ermöglichen. So können sich die Cyberexperten des C-SOC quasi auf Zuruf entsprechende Raumfahrtexpertise für die Gefährdungsbeurteilung einholen.

Die Kombination aus beiden Bereichen ist auch dann hilfreich, wenn es darum geht, welche Konsequenzen die Abschaltung eines Systems haben kann. Denn ohne Satelliten gäbe es keine Erdbeobachtung, keine Navigation, keine präzise Zeitmessung, keine Kommunikation, keine sicheren Finanzmärkte und keine stabile Stromversorgung. Und weil Satelliten permanent gesteuert werden müssen, drohen bei einer Abschaltung auch Kollisionen oder der Verlust der Mission. „Einerseits darf ein übertriebener Schutz den Betrieb nicht lähmen“, gibt Rückert zu bedenken. „Andererseits: Wenn hier etwas schiefgeht, betrifft das potenziell die ganze Menschheit.“ Sollte beispielsweise ein Satellit in Form einer digitalen Geiselnahme unter fremde Kontrolle geraten und auf Kollisionskurs gebracht werden, könne der entstehende Weltraumschrott den Orbit auf Jahrzehnte unbenutzbar machen.

Der KI kommt im C-SOC zwar eine Unterstützungsfunktion zu, aber sie ist geringer als gedacht. So scannt ein Algorithmus regelmäßig Milliarden von Datenpaketen auf Auffälligkeiten und Muster. Und wenn Anomalien auftauchen, schlägt das sensible System Alarm. Doch die Gefahr von Fehlalarmen ist relativ groß. Deshalb übernehmen ab diesem Punkt die erfahrenen Analysten und schätzen final ein, ob sie es mit einer Bedrohung zu tun haben oder nicht.

Dabei gilt für das C-SOC, was auch für die ESA insgesamt gilt: Technologien und Systeme werden bis zur Einsatzreife entwickelt. Danach übernimmt die Industrie und kann ein Geschäftsmodell daraus machen. Alles ist für Mitgliedsstaaten der ESA lizenzfrei verfügbar. Viele erfolgreiche Unternehmen – etwa im Bereich Kontrollsysteme oder Telekommunikation – basieren auf ESA-Technologien. Entsprechend will auch das C-SOC europäische Unternehmen mit Tools und Know-how für die Weltraum-Cybersicherheit ausstatten.

Einige Tage nach dem Besuch im ESOC berichten die Medien von einem geglückten Start der Ariane-6-Trägerrakete, die den Erdbeobachtungssatelliten Sentinel-1D in seine Umlaufbahn in 700 Kilometer Entfernung zur Erde gebracht hat. Der Start wurde in das Darmstädter Kontrollzentrum übertragen und dort in Anwesenheit von ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher mit Begeisterung gefeiert. Von der Öffentlichkeit unbemerkt hat das Team des C-SOC wieder einmal die Kritische Infrastruktur im All vor Cyberangriffen geschützt. Die Bedrohungslage bleibt weiterhin hoch – aber Europa ist vorbereitet.

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