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01.01.2026 VDE dialog

Sektorenkopplung: Volle Power

Um im Sinne der All Electric Society so viele Bereiche wie möglich mit erneuerbaren Energien zu versorgen, müssen die Sektoren zusammen gedacht und entsprechend umstrukturiert werden. Besonders zielführend ist das im Zusammenspiel von Energieerzeugung und Mobilität.

Von Michael Neißendorfer

Damit Deutschland bei seinen Klimazielen auf Kurs kommt, muss der Anteil erneuerbarer Energien im Strom-, Wärme- und Verkehrsbereich deutlich steigen – und der Verbrauch fossiler Energieträger so weit wie möglich verringert werden. Ein Knackpunkt ist, die Sektoren Energie und Verkehr intelligent und effizient miteinander zu verknüpfen. Wie das gelingen kann, ist Gegenstand der VDE ETG Kurzstudie „Energiegeladen in die Zukunft“, die im Rahmen der VDE E-Mobility Conference im November vorgestellt wurde.

Deutschland steht derzeit bereits an der Schwelle zum Massenmarkt der Elektromobilität. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie schnell sich Elektrofahrzeuge durchsetzen. Aktuell ist bereits fast jeder fünfte Neuwagen in Deutschland ein Elektroauto, die Neuzulassungen sind in den ersten drei Quartalen 2025 um fast 40 Prozent auf rund 380.000 gestiegen – während der Gesamtmarkt leicht schrumpfte.

Porträtfoto von Dr. Stefanie Wolff

»Kunden müssen sicher sein, immer und überall laden zu können – und das so einfach wie möglich.« Dr. Stefanie Wolff, Referentin für Antriebe der Zukunft & Elektromobilität beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

| Franz Josef

Die Industrie geht trotz aller Diskussionen um den Abschied vom Verbrenner von einer weiterhin positiven Marktdynamik aus: „Die deutsche Automobilindustrie setzt auf Investitionen und Innovationen. Die IAA Mobility hat gerade erst gezeigt, dass wir für ein Maximum an Qualität, Sicherheit, Effizienz und für starke Marken stehen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht – jetzt muss die Politik die Rahmenbedingungen angehen, damit die E-Mobilität zu einer Erfolgsgeschichte wird“, sagt Dr. Stefanie Wolff, Referentin für Antriebe der Zukunft & Elektromobilität beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

Doch nicht nur die Autobranche und die Politik sind gefragt. Eine zentrale Aufgabe wird den Energieversorgern zuteil, um die Stromnetze fit für die E-Mobilität zu machen. Dabei sind die regenerative Erzeugung und die intelligente Verteilung von Energie die großen Herausforderungen, wie Armin Gaul, Leiter des Bereichs Produkte & Marketing bei der Westenergie Netzservice GmbH erklärt: „Deutschland kann sich je nach Jahreszeit zu großen Teilen aus regenerativen Energien im eigenen Land selbst versorgen – womit auch die ein oder andere Abhängigkeit, die wir heute noch haben, deutlich abnimmt. Die Idee, den Großteil der Energie – und das zu kalkulierbaren, niedrigen Kosten – im eigenen Land zu erzeugen, hat Charme“, findet Gaul.

Am Schnittpunkt zwischen dem Verkehrs- und Energiesektor, der Ladesäule, haben sich mit den Unternehmen aus dem Bereich der Ladeinfrastruktur bereits völlig neue Geschäftsmodelle herausgebildet, die sich rasant weiterentwickeln – aber auch „erdrückt werden von Bürokratie und Berichtspflichten, wie zum Beispiel langwierigen Genehmigungsverfahren und dem Eichrecht“, wie Dr. Stefanie Wolff vom VDA kritisiert. „Man wartet nach der Antragstellung auf einen Netzanschluss für einen großen Ladepark oft Jahre auf eine Antwort. Und dann ist es oft einfach nur ein ‚Nein‘.“ Wichtig wäre, dass es Verbindlichkeiten und bestimmte Fristen gibt, die eingehalten werden müssen, sowie Konsequenzen, wenn eine Frist versäumt wird. „So wie jetzt kann es nicht weitergehen“, drängt Wolff zu mehr Tempo beim Ausbau.

Armin Gaul kennt diese Probleme und würde sich ebenfalls etwas mehr Pragmatismus wünschen, da es immer schwieriger werde, in Deutschland Investoren für Projekte zu finden und die Projekte an sich auch komplexer werden. „Wenn wir die Elektromobilität für 83 Millionen Menschen möglich machen wollen, brauchen wir weniger Bürokratie, um die Prozesse zu beschleunigen“, sagt er. „Wir diskutieren viel zu sehr, was alles schiefgehen kann – anstatt die Ärmel hochzukrempeln und loszulegen.“

ein Pkw ist an eine Wallbox angeschlossen

Mit bidirektionalem Laden sollen E-Autos aktiv am Energiemarkt teilnehmen können, ein entsprechendes Angebot haben die BMW Group und E.ON im September 2025 auf den Markt gebracht.

| BMW AG

Auch der VDE fordert in seiner Studie ein entschlosseneres Handeln, damit Deutschland eine führende Rolle bei der Verbindung von Mobilität und Energie und somit auch mehr Klimaschutz einnehmen kann. Denn der Klimavorteil von E-Autos ist unbestreitbar: Heute weisen Elektroautos schon ab etwa 30.000 Kilometern eine bessere Klimabilanz auf als Verbrenner. Nach 150.000 Kilometern hat ein E-Auto 24 Tonnen CO2 verursacht, beim Benziner sind es 40 Tonnen, so die Studie. Und auch das Stromnetz kann durch die E-Mobilität klimafreundlicher werden: Werden E-Fahrzeuge gezielt dann geladen, wenn ansonsten abgeregelte Überschüsse an erneuerbarer Energie ins Netz kommen, könnten im Jahr 2030 bis zu fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs zusätzlich mit Ökostrom statt fossil gedeckt werden.

Porträtfoto von Armin Gaul

»Wir diskutieren viel zu sehr, was alles schiefgehen kann – anstatt die Ärmel hochzukrempeln und loszulegen.« Armin Gaul, Leiter des Bereichs Produkte & Marketing bei der Westenergie Netzservice GmbH

| Innogy/ Joerg Mettlach

Generell sei das Thema Flexibilitäten, und diese clever zu nutzen, wichtig für das Gelingen der Energie- und Antriebswende, so Armin Gaul. Er ergänzt: „Dafür müssten wir uns von der bisherigen Vorstellung verabschieden, dass immer alle Verbrauchsstellen gleichzeitig mit voller Leistung versorgt werden müssen. Ungesteuertes, gleichzeitiges Laden von Elektroautos würde einen dramatischen Netzausbau erfordern. Wird jedoch das Laden intelligent gesteuert, können auch die heutigen Netze die für die Elektromobilität notwendigen Leistungen bereitstellen.“

Und wer diese Flexibilitäten und die Schwankungen des Strompreises gezielt nutzt, kann sie in Gewinne umwandeln – als privater oder gewerblicher Stromabnehmer ebenso wie Unternehmen mit einem entsprechenden Geschäftsmodell. Den Endkunden winken Einsparungen bei den Ausgaben für Ladestrom, etwa indem sie die Ladevorgänge ihres E-Autos, automatisiert mit Hilfe entsprechender Software und Apps, in Zeiten mit niedrigen Strompreisen verschieben.

Doch müsse man – gerade beim öffentlichen Laden – erst den Tarifwirrwarr durchblicken, erklärt Wolff, die hier dringenden Nachholbedarf sieht: „Kunden müssen sicher sein, immer und überall laden zu können – und das so einfach wie möglich. Es braucht klare gesetzliche Vorgaben für mehr Preistransparenz und eine bessere Regulierung des anbieterübergreifenden Ladens, dem sogenannten Roaming.“

Gearbeitet werden müsse auch an der Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Lademöglichkeiten an jenen Orten, wo Autos ohnehin längere Zeit stehen; neben Tiefgaragen und Garagen großer Wohngebäude etwa auch bei Arbeitgebern und Supermärkten. Gaul sagt hierzu, es müsse ein Umdenken stattfinden, da es ein riesiger Hebel für die Energiewende sei, diese Standzeiten besser zu nutzen. „Ein E-Auto benötigt pro Tag im Schnitt nur 7 kWh Strom und ist mehr als 20 Stunden lang geparkt. Und es ist keine Revolution, sondern bereits gängige Praxis, die Ladevorgänge durch Lastmanagement-Systeme zu entzerren.“

Intelligenz statt Kupfer, also mehr Digitalisierung und nur wo notwendig ein gezielter Netzausbau, wäre ein wichtiger gemeinsame Nenner. Denn die Energiewende entscheidet sich nicht allein im Kraftwerk, der PV-Anlage, dem Windrad oder am Auto – sondern im intelligenten Zusammenspiel der Systeme.

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