Umrisse eines Soldaten, ausgefüllt mit einer Matrix
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01.01.2026 VDE dialog

VDE Defense: Zeitenwende

Mit einem neuen Bereich reagiert der VDE auf die Bedrohungslage. Wie schnell Europa verteidigungsfähig wird, ist auch eine technologische Frage.

Von Martin Schmitz-Kuhl

Jaeger - Porträt

„Die Sicherheit der Zivilgesellschaft ist historische VDE DNA. Dabei ist Resilienz ähnlich wichtig wie militärische Fähigkeit.“ Markus B. Jaeger, Global Head of Political Affairs (VDE)

| H. Mattescheck Fotografie / VDE

Der VDE hat mit „VDE Defense“ einen neuen Bereich eingerichtet, der auf eine sicherheitspolitische Realität reagiert, in der technische Systeme ebenso entscheidend sind wie militärische Fähigkeiten. Moderne Verteidigung ist längst eine technologische Frage: Sie beruht darauf, Schwachstellen in Energie-, Kommunikations- und Dateninfrastrukturen frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Denn Streitkräfte und Zivilgesellschaft sind gleichermaßen auf robuste digitale und physische Systeme angewiesen – von resilienten Kommunikations- und Stromnetzen über Sensorik und Verfügbarkeit von Mikrochips bis zu einem widerstandsfähigen Medizin(technik)-Sektor. Ingenieurinnen und Ingenieure entwickeln dafür die technischen Grundlagen. Die Bedeutung einer Organisation, die dieses Wissen bündelt und für sicherheitspolitische Anforderungen nutzbar macht, wächst rapide. „Technologischer Sachverstand ist längst Bestandteil ziviler und militärischer Sicherheitsvorsorge“, betont Markus B. Jaeger, der den neuen Bereich aufbaut.

Jaeger ist als Jurist, Politiker, Reserveoffizier im Dienstgrad Oberstleutnant und Veteran eines NATO-Auslandseinsatzes eine naheliegende Wahl für die Leitung. Er verbindet sicherheitspolitische Praxis mit tiefem Verständnis für regulatorische und technologische Prozesse. „Die Sicherheit der Zivilgesellschaft ist historische VDE DNA. Mit dem neuen Bereich entsteht daher auch kein völlig neues Feld, sondern ein strategischer Knotenpunkt. Resilienz ist an dieser Stelle ähnlich wichtig wie militärische Fähigkeit“, erläutert Jaeger. Digitalisierung, KI, Cybersicherheit, New Space, Energie- und Kommunikationsnetze sowie Industrie- und Medizintechnik – der neue Bereich soll alle Kompetenzen des VDE systematisch zusammenführen und auf sicherheitsrelevante Anwendungsfelder übertragen, um die technologische Handlungsfähigkeit Deutschlands und Europas zu stärken. Zum Start stehen dabei vier Schwerpunkte im Fokus:

1. Drohnenaufklärung

Drohnenflüge über Energieanlagen, Flughäfen oder kritischen Einrichtungen nehmen stetig zu, gleichzeitig erfassen klassische Radarsysteme den unteren Luftraum nicht flächendeckend. Der VDE möchte Wege weisen, wie Drohnen zum Schutz der Bevölkerung und Kritischer Infrastruktur flächendeckend geortet werden können. Angesichts der Pläne der Bundesregierung für ein nationales Drohnenabwehrzentrum fordert der VDE klare Zuständigkeiten und gezielte Förderung, um Reichweite und Resilienz weiter zu erhöhen.

2. Resilienz ist der Schlüssel

Energie- und Kommunikationssysteme sind so eng miteinander verwoben, dass Störungen in einem Netz unmittelbar Auswirkungen auf das andere haben. Für Deutschland als logistische Drehscheibe der NATO entsteht daraus eine besondere sicherheitspolitische Verantwortung. Die Roadmap Systemstabilität des Bundeswirtschaftsministeriums soll den Übergang zu einem vollständig erneuerbaren, aber zugleich sicheren Stromsystem ermöglichen. Der VDE koordiniert oder begleitet viele der zentralen Maßnahmen der Roadmap – von der Integration dezentraler Erzeuger über den Schutz und die Notstromversorgung von Rechenzentren bis zu höheren Cybersicherheitsstandards. Verzögerungen auf EU-Ebene, konkret beim Connection Network Code 2.0, bremsen jedoch die Modernisierung. Der VDE betont zudem, dass auch die medizinische Versorgung – einschließlich Medizintechnik, Logistik und Dateninfrastruktur – sicherheitspolitisch relevanter wird, da sie zunehmend Ziel von Cyberangriffen und Lieferkettenrisiken ist.

3. Arbeitsplatz Verteidigungssektor

Die Verteidigungsindustrie wächst rasant – von großen Rüstungsunternehmen bis zu spezialisierten Mittelständlern und Start-ups. Doch der Fachkräftemangel in der Elektro- und Informationstechnik gefährdet diesen Ausbau. Schon 2025 stehen rund 13.000 Verrentungen lediglich etwa 7.500 Absolventinnen und Absolventen gegenüber. Sicherheitsrechtliche Vorgaben verschärfen die Lage zusätzlich, da viele ausländische Masterabsolventen nicht an vertraulichen Projekten mitwirken dürfen. Hinzu kommt eine über Jahre verfehlte Hochschulpolitik: unbesetzte Professuren, der Abbau von E-/IT-Studiengängen und eine strikte Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung haben die Nachwuchsgewinnung geschwächt. Der VDE fordert daher eine strategische Neuausrichtung der Hochschul- und Forschungspolitik, inklusive harmonisierter Sicherheitsüberprüfungen, stabiler Finanzierung und gezielter Maßnahmen zur Begeisterung junger Menschen für E-/IT-Berufe im sicherheitsrelevanten Umfeld.

4. Mikroelektronik als sicherheitspolitischer Kernfaktor

Mikroelektronik ist die Grundlage nahezu aller modernen Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen: Sensorik, Radar, sichere Kommunikation, Navigation, elektronische Kampfführung, Drohnen- und Raketenabwehr, Kryptotechnologien und medizinische Systeme in der Einsatzversorgung. Europa ist jedoch in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei der Halbleiterproduktion stark zurückgefallen – von etwa 20 auf unter 8 Prozent Weltmarktanteil. Diese Abhängigkeit von Drittstaaten birgt erhebliche sicherheitspolitische Risiken, da kritische Komponenten im Krisenfall nicht ausreichend verfügbar wären. Der VDE sieht daher die Notwendigkeit, strategische Schlüsseltechnologien wie Leistungs- und Spezialhalbleiter, Radarchips, Sensorsysteme und hochzuverlässige Komponenten gezielt aufzubauen. Dazu gehören ein langfristiger europäischer Ausbau von Design-, Fertigungs- und Packaging-Kompetenzen sowie industrielle Ökosysteme, die Sicherheitsstandards erfüllen. Forschung zu Quanten- und Hochfrequenztechnologien muss in Anwendungen überführt werden, die den Einsatzkräften im Ernstfall zur Verfügung stehen. Mikroelektronik ist damit nicht nur ein Wirtschafts-, sondern ein Verteidigungsfaktor: Wer kritische Chips kontrolliert, behält operative Souveränität in Krisen und Konflikten.


VDE Defense entsteht in einer Zeit, in der technologische Abhängigkeiten und sicherheitspolitische Risiken eng ineinandergreifen. Der neue Bereich soll helfen, technisches Know-how gezielt für die Resilienz des Landes nutzbar zu machen – im Verbund mit Politik, Wissenschaft und Industrie. Oder wie Markus B. Jaeger es formuliert: „Wir müssen Verwundbarkeiten reduzieren, bevor sie relevant werden. Das ist keine rein technische Aufgabe, sondern eine gesamtgesellschaftliche.“

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