Frau Broßart, Herr Jordan, Sie sind jetzt seit einigen Monaten im Bundestag. Was hat Sie am meisten überrascht?
Victoria Broßart: Da gibt es einiges! Ich kam ja aus einem normalen Ingenieursjob: geregelte Arbeitszeiten, Projekte, klare Abläufe. Politik war für mich vor allem ein Hobby. Und dann plötzlich der direkte Sprung in die große Politik. Das war schon eine ziemlich große Umstellung. Aber ich glaube, mittlerweile habe ich mich gut eingearbeitet, das Büro steht und die Abläufe funktionieren.
Alexander Jordan: Das ging mir ganz ähnlich wie Victoria. Ich habe ja vorher in der Automobilindustrie gearbeitet, mit einer hohen Schlagzahl, großen Budgets und immer alles sehr projektbezogen. Die Arbeit hier kann man mit dem so gar nicht vergleichen. Gleichzeitig – und das genieße ich sehr – hat man hier als Abgeordneter viele Freiheiten. Und keiner schreibt einem vor, was man zu sagen hat. Wenn’s um Autos geht, heißt es eher: „Du kennst dich doch aus – was meinst du?“ Das finde ich total klasse, dass man als Neuer so aufgenommen wird und auch gleich verantwortungsvolle Aufgaben erhält.
Ihr beruflicher Hintergrund ist für den Bundestag regelrecht exotisch. Die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen haben Jura, Wirtschafts- oder Politikwissenschaften studiert. Macht das für Sie einen Unterschied?
Broßart: Auf jeden Fall, das ist tatsächlich sehr wichtig für mein Selbstverständnis. Ich sage immer: Ich bin Ingenieurin, keine Politikerin. Ich bin eine Ingenieurin, die Politik macht. Und ich denke auch schon, dass mir das hilft, einen besseren Zugang zu vielen Themen zu finden – etwa im Verkehrsausschuss, in dem wir ja beide sitzen, oder im Gespräch mit Lobbygruppen oder Ministerien. Man kann anders bohren, schneller ins Detail gehen.
Jordan: Das kann ich bestätigen. Ich würde sogar noch weiter gehen: Auch bei Themen, mit denen wir vorher nichts zu tun hatten, bringen wir mit unserem Studium einen guten Werkzeugkasten mit. Ingenieursdenken heißt: Problem erkennen, analysieren, Lösung finden. Aber man muss auch lernen, dass Politik anders funktioniert – nicht alles, was technisch sinnvoll ist, ist politisch durchsetzbar. Trotzdem: Wenn wir hier im Parlament unter uns Ingenieuren reden, merkt man sofort, dass wir dieselbe Sprache sprechen. Wir funken quasi auf der gleichen Frequenz.
Broßart: Und das eben auch, wenn – wie jetzt hier – das Gespräch zwischen Regierung und Opposition stattfindet. Ich finde diese Debatten meistens interessanter, anregender und auch produktiver als dieses platte gegeneinander Pöbeln, das man sonst manchmal aus der politischen Auseinandersetzung kennt.
Aber ist es dann nicht ein Problem, dass es so wenig Ingenieurinnen und Ingenieure in der Politik gibt?
Broßart: Ich würde sagen: ja. Es sollte mehr von uns geben! (lacht)
Und warum gibt es so wenige?
Broßart: Weil Ingenieur sein kein Beruf, sondern eine Berufung ist. Die meisten von uns lieben, was sie tun. Und wer so arbeitet, der löst lieber Probleme, als über sie zu reden. Deshalb ist Politik für viele abschreckend. Aber irgendwann habe ich – genauso wie Alexander – gemerkt, dass manche Probleme nur politisch zu lösen sind. Und dann machen wir das eben stellvertretend für all die anderen Kolleginnen und Kollegen – damit sie Ingenieure bleiben können.
Jordan: Gut gesagt! Und es ist ja tatsächlich so, dass manch eine politische Debatte auch hier im Bundestag eher ein Gepöbel ist. Da gibt es Beiträge, von denen man definitiv sagen kann, dass sie keinem weiterhelfen.
Womit wir wohl bei der AfD-Fraktion sind. Deren Ingenieursquote liegt aber immerhin bei 10,5 Prozent, das ist doppelt so viel wie bei der Union...
Jordan: Was letztlich nur zeigt, dass es nicht nur auf die Aus- und Vorbildung eines Politikers ankommt. Auf dem Papier sind das ja eigentlich kluge, gebildete Menschen. Aber wenn man dann mitbekommt, in welch menschenverachtender Art und Weise die sich teilweise nicht nur auf Social Media, sondern auch ganz offen im Plenum äußern, bekomme ich das einfach nicht zusammen. Keine Ahnung, an welcher Stelle die da so falsch abgebogen sind.
In Ihrer neuen Tätigkeit werden Sie sicherlich auch den Druck von Lobbyisten zu spüren bekommen. Immerhin sind 6.190 aktive Interessenvertreterinnen im offiziellen Lobbyregister des Bundestags registriert.
Jordan: Von Druck will ich da nicht reden. Aber klar, es gibt viele Gespräche. Jede Woche habe ich mehrere Termine mit Verbänden oder Unternehmen. Die wollen ihre Sicht der Dinge darlegen, und ich höre mir das gerne an – natürlich schwerpunktmäßig alles, was mit Verkehr und Energie zu tun hat.
Mit dieser Offenheit haben Sie es sogar schon in die heute-show gebracht – als Fabian Köster sie vor dem Sommerfest von Philip Morris abfing. Was haben Sie denn da gemacht?