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30.09.2020 Fachinformation

Unterricht: Digitalisierung mangelhaft

Die Corona-Pandemie hat die digitalen Schwächen der deutschen Schulen offengelegt. Das Problem ist komplex: Es fehlt nicht nur an technischer Ausstattung. Lehrkräfte haben häufig nicht die nötigen Kompetenzen und erhalten zu wenig Unterstützung.

von MARKUS STREHLITZ

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Chefredakteurin VDE dialog

Wer ein schulpflichtiges Kind zu Hause hat, konnte in den vergangenen Monaten live miterleben, wie es um die Digitalisierung im deutschen Bildungssystem bestellt ist. Die allgemeinbildenden Schulen waren quasi von heute auf morgen gezwungen, ihre Schüler ins Homeschooling zu schicken. Die individuellen Erfahrungen, welche die Eltern dabei bundesweit machten und noch machen, sind extrem unterschiedlich. Es gibt Klassen, in denen Schülerpräsentationen und Elternabende per Webkonferenz gehalten werden. Chemielehrer nehmen ihre Versuche auf Video auf und verteilen sie anschließend über Lernplattformen. Aber es gibt auch Kinder, die ihre Hausaufgaben in Tütchen im Briefkasten finden.

Das bestätigt auch der Bildungsbericht 2020, den eine Autorengruppe unter Federführung des DIPF - Leibniz-­Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation erstellt hat. Auftraggeber waren die Kultusministerkonferenz sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Laut diesem Bericht wurde mit der Corona-Pandemie die große Bandbreite des Entwicklungsstandes von Bildungseinrichtungen offenkundig.  „Während einige Schulen bereits sehr erfolgreich digitale Technologien in den Schulalltag integriert haben und damit Unterrichtsausfälle kompensieren konnten, war dies in anderen Einrichtungen kaum oder nur schwer möglich.“

Der Bildungsbericht zeigt auch: Tütchen im Briefkasten sind wohl keine Seltenheit. Insgesamt stellt der Bericht dem Bildungssystem in Sachen Digitalisierung kein gutes Zeugnis aus. Wer ihn sich anschaut, liest immer wieder, dass Deutschland hinterherhinkt – und zwar in vielen Bereichen. Beispiel technische Infrastruktur: Diese sei im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Bei einer Anfang 2020 durchgeführten Befragung etwa hätten zwei Drittel der Grundschulleitungen angegeben, dass in ihrer Schule weder Klassensätze an mobilen Endgeräten noch ein Zugang zum Breitbandinternet beziehungsweise WLAN in allen Klassenräumen verfügbar sind, heißt es im Bericht.

Hausaufgabenzustellung ganz analog: im Briefkasten an der Tür

Als Land, in dem es deutlich besser läuft, wird häufig Dänemark genannt. An den Vorsprung der Skandinavier in Sachen Bildung hat man sich ja mittlerweile fast schon gewöhnt. Doch es sind nicht nur die nordischen Länder, welche in der Digitalisierung die Nase vorn haben. Mitte Juni veröffentlichte das Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie der Pädagogischen Hochschule Zug eine Studie, welche die Auswirkungen von Corona auf die Schulen in der Schweiz, Deutschland und Österreich untersuchte. An der Onlinebefragung nahmen über 7100 Schulleitungen, Lehrpersonen, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie weitere Akteure aus dem Bildungswesen teil. Die Ergebnisse sind niederschmetternd – für das Geburtsland von Konrad Zuse und dem Land der Dichter und Denker. So gaben 63 Prozent der befragten Mitarbeitenden der Schulen in Österreich und 57 Prozent der Schweizer an, dass sie ihre Schüler über Online-Lern- und Arbeits-Plattformen erreichen. In Deutschland waren dies nur 36 Prozent. Die Präsenzzeiten, welche die deutschen Schulmitarbeiter mit ihren Schülern vereinbart hatten, sind sehr überschaubar. Sie lagen bei der Hälfte der Befragten nämlich bei genau null Stunden pro Woche. In Österreich und der Schweiz war dies nur bei etwa einem Drittel (30 beziehungsweise 33 Prozent) der Fall. Außerdem stehen laut Studie in Deutschland deutlich weniger Ressourcen und technische Kapazitäten für digitales Lehren bereit als in der Schweiz und in Österreich.

Zumindest das Problem der mangelnden technischen Ausstattung sollte eigentlich der Digitalpakt Schule lösen, der im Mai 2019 beschlossen wurde. In diesem stellt der Bund bis 2024 insgesamt fünf Milliarden Euro bereit, um die Schulen mit digitaler Technik zu versorgen. Das Geld soll zum Beispiel in WLAN-Verbindungen und mobile Endgeräte für Schüler gesteckt werden. Doch laut Martina Schmerr ist der Digitalpakt „total unterfinanziert“. Schmerr ist Referentin im Vorstandsbereich Schule bei der Bildungsgewerkschaft GEW. Berechnungen der GEW haben ergeben, dass der Finanzbedarf bei den allgemeinbildenden Schulen deutlich größer ist. „Allein wenn Tablets in ausreichendem Maß in den Schulen vorhanden sein sollen, bräuchte man 20 Milliarden Euro mehr“, so Schmerr.

Der Digitalpakt sollte zumindest das Hardware-Problem lösen – eigentlich

Ausstattung
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Zudem haben viele Schulen die Mittel des Digitalpakts noch gar nicht abgerufen. Über die Gründe dafür könne sie nur spekulieren, meint die GEW-Referentin. Doch sie glaubt, dass es unter anderem an dem medienpädagogischen Konzept liege, das von den Schulen verlangt wird. Nur wer ein solches präsentieren kann, hat Anspruch auf eine Förderung. Doch dieses Konzept ist nach Meinung von Schmerr ein „ziemliches bürokratisches Monster“ und nur mit viel Aufwand zu erstellen. Ein Umfrage der GEW unter ihren Mitgliedern hat ergeben, dass den Schulen schlicht die Zeit dafür fehlt. Demnach hätten fast 80 Prozent der befragten Schulleitungen bemängelt, dass für die Konzept­erarbeitung keine zusätzlichen Zeitressourcen bereitgestellt worden seien.

Die Studie brachte außerdem zutage, dass 90 Prozent der Lehrkräfte ihre privaten Endgeräte für ihre berufliche Tätigkeit nutzen. Das wird gerade während der Corona-­Pandemie zum Problem. Auch in diesem Fall zeigen sich dann große Unterschiede, weil Lehrer eben besser oder weniger gut für die Arbeit zu Hause ausgerüstet sind. „Die einen sind privat mit den neuesten MacBooks versorgt, andere müssen das komplette Homeschooling über ihr Smartphone abwickeln“, heißt es in einer Mitteilung der GEW. Doch die Ausstattung mit Hardware allein wird das Problem nicht lösen, dass deutsche Schulen digital hinterherhinken. Wenn man mit Lehrerinnen und Lehrern spricht, zeigt sich, dass diese mit der Technik alleingelassen werden. „Die Realität sieht so aus: Man stellt den Schulen die Hardware hin und dann heißt es: Jetzt macht mal“, berichtet Schmerr. So etwas sei bei keinem Unternehmen in der freien Wirtschaft vorstellbar.

Der Katalog der Defizite ist lang, es mangelt an Ausstattung und Kompetenzen

„Dort wird Zeit für die Einführung eingeplant, es werden Arbeitsteams gebildet und dann werden die Mitarbeiter geschult.“ Auch der in Schulen übliche technische Support wäre in einem Wirtschaftsunternehmen undenkbar. In der Regel ist ein Lehrer aus dem Kollegium dafür zuständig. Dieser wird für ein paar Stunden seines Deputats freigestellt, um sich um die vorhandene Technik zu kümmern. „Das sind quasi Einzelkämpfer“, sagt Schmerr. Teilweise werden diese durch eine externe IT-Administration unterstützt. Doch das sei nur bei 60 Prozent der Schulen der Fall, wie die neben der GEW zweite große Lehrergewerkschaft VBE in einer Pressemitteilung berichtet.

Aber, selbst wenn die digitale Technik reibungslos funktioniert, müssen ihre Nutzer wissen, welche Möglichkeiten diese bietet. Und wie sie damit umgehen können. Daran hapert es jedoch ebenfalls im deutschen Bildungssystem. Das ist auch ein Grund, weshalb die Erfahrungen mit dem Home­schooling so heterogen sind. Wie gut dieses funktioniert, hängt von der individuellen Kompetenz und digitalen Affinität des einzelnen Lehrers ab. „Lange Jahre spielten digitalisierungsbezogene Aspekte in der Lehrkräfteausbildung in Deutschland eher eine untergeordnete Rolle“, heißt es im Bildungsbericht. Und jedes Bundesland gewichtet diese Aspekte unterschiedlich. Das Ergebnis: Laut Bildungsbericht schneidet die deutsche Lehrkräfteausbildung im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ab, wenn es um digitale Kompetenzen geht.

Bliebe noch die Möglichkeit, sich durch Fortbildungen das nötige Know-how anzuschaffen. Doch die stehen nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. „Drei Viertel der Lehrkräfte bilden sich privat weiter, viele tauschen sich im Kollegium aus“, sagt der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. „Eine richtige Fortbildung bekamen bisher nur zwei Drittel.“ Hinzu komme, dass diese in der Freizeit wahrgenommen werden müssten.

Durch die Corona-Pandemie kommt vieles in Bewegung – auch an den Schulen

Die Defizite möchte Prof. Dr. Alexander Woll vom Karls­ruher Institut für Technologie (KIT) beseitigen. Er ist dort unter anderem wissenschaftlicher Leiter des Zen­trums für Lehrerbildung. In dem von ihm geleiteten Projekt digiMINT werden für die MINT-Fächer digitale Unterrichtseinheiten entwickelt, erprobt, evaluiert und für den Transfer in die Praxis vorbereitet. Die Ergebnisse sollen in die Lehrerbildung einfließen. Nach Meinung von Woll könnte die Corona-Krise auch eine Chance sein. Sie habe nicht nur die Defizite offengelegt. Durch sie seien auch viele Schulen sehr kreativ geworden. „Es sind ganz viele Bottom-­up-Modelle entstanden“, so Woll. Lehrkräfte wurden also selbst aktiv und warteten nicht auf eine Digitalisierungsstrategie von oben. Es sei wichtig, diese Erfahrungen nun sichtbar zu machen und zu nutzen. Er geht davon aus, dass in das Thema nun Bewegung komme. „Wie für andere Bereiche gilt auch für die Schulen: Nichts ist nach Corona wie es vorher war.“

MARKUS STREHLITZ ist freier Journalist und Redakteur beim VDE dialog.