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02.04.2020 Publikation

Start-ups: Industrie und Innovation

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Automatisierung: Damit sich eine Industrie den Zusatz „4.0“ verdient, braucht es die nötige Innovationskompetenz, Innovationsorganisation und Innovationskultur. Nicht alle Unternehmen schaffen das aus eigener Kraft, sodass Partnerschaften mit Start-ups ein probates Mittel sein können, um auf diesen Gebieten aufzuholen. Doch das ist leichter gesagt als getan. 

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Stefan Gross-Selbeck

»Partnerschaften leisten einen wesentlichen Beitrag, Innovationen zu beschleunigen, und sind im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland unverzichtbar«, sagt Stefan Gross-Selbeck, CEO von BCG Digital Ventures.


| BCG Digital Ventures

Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Denn einerseits haben im jährlichen Innovationsranking der Strategieberatung Boston Consulting Group im vergangenen Jahr erstmals neun deutsche Firmen den Sprung unter die weltweit 50 innovativsten Unternehmen geschafft. Damit sind die Deutschen nach den US-Unternehmen am zweitstärksten in den Top 50 vertreten. Nach dem Sportartikelhersteller Adidas (Rang 10), der um 25 Plätze zulegte, haben zwei weitere Konzerne aus Deutschland sogar den Sprung in die Top 20 geschafft: Der Chemiekonzern BASF kletterte von Rang 23 auf 12 und der Technologiekonzern Siemens von Rang 21 auf 16. Darüber hinaus sind der Chemie- und Pharmakonzern Bayer (24), das Versicherungsunternehmen Allianz (26), der Autohersteller BMW (27), die Softwarefirma SAP (28) sowie die beiden Autobauer Volkswagen (38) und Daimler (47) unter den 50 innovativsten Unternehmen platziert. „Deutsche Unternehmen haben verstanden, dass im digitalen Zeitalter echte Innovation weit über inkrementelle Verbesserungen am Produkt hinausgeht. Sie arbeiten auch an neuen Dienstleistungen und Kundenschnittstellen, erfinden Prozesse neu und bauen Partnerökosysteme auf“, sagt Carsten Kratz, Chairman der Boston Consulting Group für Deutschland und Österreich. Und er weist noch auf etwas anderes hin: „Deutsche Unternehmen profitieren von ihrer starken globalen Präsenz sowie ihrer installierten Basis an Geräten, Maschinen und Anlagen. Die gigantischen Mengen an Maschinendaten aus dem laufenden Betrieb werden zunehmend konsequent genutzt und verschaffen einen Wettbewerbsvorteil.“

Noch entwickelt sich die Innovationskultur etablierter Firmen eher langsam

Andererseits – und damit zu dem halb leeren Glas – gibt es trotz der genannten Top-Platzierungen durchaus Aufholbedarf in der Breite. „Einer relativ kleinen Speerspitze von innovativen Unternehmen steht hierzulande eine Mehrzahl von innovationsfernen Firmen gegenüber“, meint gar Armando García Schmidt, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung. Diese veröffentlichte Ende vergangenen Jahres die Studie „Innovative Milieus – Wie innovationsstark ist die deutsche Unternehmenslandschaft?“. Das Ergebnis: „Nur wenige Unternehmen in Deutschland haben die nötige Innovationskraft, um ihre Wettbewerbsposition auch langfristig zu sichern“, so García Schmidt. Nur ein Viertel der Unternehmen verfüge über die nötige Innova­tionskompetenz, Innovationsorganisation und Innova­tionskultur. Fast die Hälfte aller deutschen Unternehmen hätten es in den zurückliegenden Jahren verpasst, ihr Innovationsprofil an neue Bedingungen anzupassen.

Besorgniserregend ist laut den Autoren der Bertelsmann-Studie die Struktur der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und ihre Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Denn gerade ihnen fehle es häufig an einer ausgeprägten Innovationskultur. Brisant wird dieser Befund dadurch, dass diese Unternehmen deutschlandweit knapp 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beschäftigen. „Bleiben die Innovationsfähigkeit und die digitale Transformation weiter aus, könnten Hunderte Unternehmen und Tausende Arbeitnehmer ins Abseits rutschen“, warnt García Schmidt. Es sei zwar verständlich, dass Mittelständler nicht im Stil eines Weltkonzerns in Forschung investieren könnten. Doch auch durch Mitarbeiterführung oder Förderung von kreativen Freiräumen würden sich Chancen ergeben, Innovationsprozesse dynamischer zu gestalten.

Die deutsche Start-up-Landschaft erweist sich in Sachen Industrie 4.0 erfinderisch

Gerade wenn sich die eigene Innovationskraft in Sachen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automatisierung in Grenzen hält, gibt es ein anderes beliebtes Mittel, um innovativer zu werden: die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die einem auf diesen Gebieten voraus sind. Und die deutsche Start-up-Landschaft hat hier insbesondere für die Industrie 4.0 durchaus was zu bieten. Die Gründer kommen dabei von den Unis wie der TU München, dem Karlsruher Institut für Technologie oder der RWTH ­Aachen und zeichnen sich durch hohe Kompetenz aus. Beispiel: die Wartung und Instandhaltung der Maschinen und Anlagen, ein Kernthema industrieller Fertigung. Allein in jüngster Vergangenheit sind hier zahlreiche Unternehmen gegründet worden, die es sich zum Ziel gesetzt haben, diese effizienter und günstiger zu machen.

  • Das 2018 gegründete Hamburger Start-up PANDA macht mit seiner Software- und Hardwarelösung zur ­Ursachenanalyse und Identifikation von Fertigungsproblemen Schluss mit Produktionspannen. Mit dem Plug & Play-Produkt DRIFT bietet PANDA ein All-in-One-System zur Minimierung von Anlagenstillständen und Performance-Defiziten im Produktionsprozess an.
  • Das 2017 gegründete Berliner Start-up WeAre hat eine Software entwickelt, mit der Maschinenbau- und Technikteams über VR-Brillen in virtuellen Konferenzräumen Anlagen gemeinsam betrachten und daran arbeiten können. Die Nutzerführung dabei ist intuitiv – nicht zuletzt, weil sie dem VR-Gaming entlehnt ist.
  • Das 2018 gegründete Münchner Start-up remberg hat eine Software entwickelt, die es ermöglicht, alle relevanten Serviceprozesse rund um die Maschine – wie Wartung und Instandhaltung – in einer Plattform abzubilden. Hersteller können somit ihren Kunden Dokumentation, Serviceanfragen und Ersatzteilbestellungen digital anbieten.
  • Das 2017 gegründete Start-up FORMHAND Automation ist ein Spin-off aus der Technischen Universität Braunschweig. Es hat sich auf Greifer spezialisiert, die durch eine Art Kissen und mithilfe von Unterdruck flexibel verschiedene Bauteile greifen können.

„In einer schnelllebigen Welt ist es unerlässlich, auf Partnerschaften mit Start-ups zu setzen“, glaubt Michael Brigl, Partner und Corporate-Venturing-Experte der Boston Consulting Group. Zumindest größere Unternehmen scheinen das auch verstanden zu haben. In der Studie ­„After the Honeymoon Ends: Making Corporate-Startup Relationships Work“ hat die Strategieberatung erstmals umfassend Partnerschaften zwischen Konzernen und Start-ups im deutschsprachigen Raum analysiert. „Die Unternehmen versprechen sich davon, das eigene Geschäftsmodell schneller und besser zu digitalisieren“, erklärt Brigl, während Start-ups sich vor allem wichtige Marktzugänge erhofften. Dabei seien diese Hoffnungen allerdings zuweilen etwas zu groß – und die Enttäuschungen entsprechend, wenn die Erwartungen nicht einträfen.

Kooperationen schaffen nicht immer die gewünschte Win-win-Situation

So zeigten sich nach der Studie gerade einmal 45 Prozent der Gründer zufrieden mit der Kooperation. Viele zeigten sich – trotz Anfangseuphorie – desillusioniert, weil ihre Ziele nicht erfüllt wurden, sie also keinen sichtbaren Umsatzzuwachs durch besseren Marktzugang oder neue Vertriebskanäle erzielen konnten. Das Frustpotenzial ist auf beiden Seiten hoch, wenn Entscheidungen langsam und vor allem intransparent getroffen werden oder das Gefühl einer ungleichen Partnerschaft besteht, zeigt die Analyse.

Davon kann Ronnie Vuine ein Lied singen. Der CEO des 2014 gegründeten Berliner Start-ups micropsi industries arbeitet an neuronalen Netzwerken, die Industrieroboter flexibler machen sollen. So wird es Anwendern unter Einsatz von Echtzeitkameras und Künstlicher Intelligenz ermöglicht, Maschinen zu trainieren. Auch Vuine hat sich vor einigen Jahren zu einer Zusammenarbeit „überreden“ lassen – und wurde enttäuscht. „In den Konzernen werden Start-ups oft als bunte Vögel gesehen, an die man für ein bisschen Geld die Innovationsrisiken outsourcen kann“, ärgert er sich. In seinem Fall, den er als „bittere Erfahrung“ bezeichnet, wurde micropsi industries sogar am Ende gar nicht bezahlt, als sich beim Partner intern die konservativen Kräfte durchsetzten. Vor allem jedoch würden solche Kooperationsprojekte die Gefahr bergen, viel Zeit in die Lösung eines sehr speziellen Problems zu stecken, das nur für den jeweiligen Konzern relevant wäre. Zeit, die dem Start-up aber letztlich fehle, um das eigene Produkt weiterzuentwickeln. Deshalb habe man sich entschlossen, solche Partnerschaften grundsätzlich nicht mehr einzugehen. „Wir wollen, dass die Konzerne unsere Kunden sind, nicht unsere Partner. Am Ende des Tages geht es schließlich darum, dass man ein gutes Produkt macht, das dann auch gekauft werden soll.“

Das ist letztlich Ziel aller Unternehmen, so auch jener rund 5500 Aussteller aus aller Welt, die auf der Hannover Messe ihre Produkte präsentieren werden. Darunter finden sich natürlich wieder zahlreiche einschlägig bekannte Branchengrößen – von A wie ABB bis Z wie Zeltwanger. In den Hallen 24 und 25 stellen aber auch rund 250 unbekannte, neue und aufstrebende Start-ups aus. Der sogenannte „Future Hub“ ist nämlich den jungen Firmen vorbehalten, die dort in der „Young Tech Enterprises“-Area ihre innovativen Produkte und Ideen zur Schau stellen. Zudem wird erstmals neben dem renommierten Hermes Award auch noch der „Hermes Startup Award“ verliehen. Teilnehmen dürfen nur Unternehmen, die seit maximal fünf Jahren bestehen. „Aus der Start-up-Szene kommen disruptive Ideen und Technologien mit echter Durchschlagskraft“, verkündet die Messe vorab euphorisch. „Die jungen Wilden mischen die Industrie auf!“

Martin Schmitz-Kuhl ist freier Autor aus Frankfurt am Main und Redakteur beim VDE dialog.