Thomas Jarzombek

ist BMWi-Beauftragter für die Digitale Wirtschaft und Start-ups.


| Tobias Koch
02.04.2020 Publikation 70 0

»Zuweilen sehr zögerlich«

Wie steht es hierzulande um Digitalisierung und Innovationskultur und welchen Beitrag kann die Politik zu ihrer Förderung leisten? Fragen an Thomas Jarzombek, Beauftragter des Bundeswirtschaftsministeriums für die Digitale Wirtschaft und Start-ups.

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Wo steht die deutsche Wirtschaft Ihrer Ansicht nach in Sachen Digitalisierung?

Insgesamt muss die deutsche Wirtschaft bei der Digitalisierung noch mehr Tempo aufnehmen. Das zeigt nicht zuletzt eine aktuelle Bitkom-Umfrage, nach der die Mehrheit der Unternehmen sich selbst noch als Nachzügler sieht. Wichtig ist vor allem, dass der Mittelstand die Chancen der Digitalisierung nutzt. Mit einem Zuschuss­programm „digital jetzt – Investitionsförderung für KMU“ wollen wir deshalb demnächst einen zusätzlichen Anreiz für Investitionen in digitale Technolo­gien und die Qualifizierung der Beschäftigten geben.

Welche Rolle können dabei Start-ups spielen?

Eine große. Und deshalb benötigen wir auch mehr Wachstumskapital für Start-ups. Mit einem Zukunftsfonds wollen wir hier insbesondere auch stärker privates Kapital von großen institutionellen Anlegern einwerben. Zudem müssen wir die Rahmenbe­dingungen für Start-ups verbessern, damit sie ihre Ideen auch in Deutschland verwirklichen können. Dazu gehört, die Bürokratie weiter abzubauen und auch, dass der Staat selbst zum Vorreiter wird: Er kann zum Beispiel Blockchain-Technologie anwenden, um Verwaltungsleistungen zu digitalisieren, und bei der öffentlichen Beschaffung häufiger Innovationen Start-ups eine Chance geben.

Was muss geschehen, um die Innovationskultur hierzulande noch mehr zu steigern – um nicht international abgehängt zu werden?

Die Innovationskultur lebt vom „Wollen“, „Können“ und „Dürfen“. Innovations- und Gründergeist entwickelt sich dabei schon sehr früh, von der Schule an. Wir müssen ihn fördern und nicht ersticken – vor allem auch bei den Mädchen. Und wir müssen Bürokratie abbauen. Zum Beispiel müssen Start-ups, die scheitern, noch jahrelang Unterlagen aufbewahren. So etwas müssen wir ändern, denn es hält Menschen davon ab, eine Idee überhaupt erst umzusetzen. Beim „Können“ spielen die Finanzen eine zentrale Rolle. Deshalb fördert die Bundesregierung seit diesem Jahr unternehmerische Forschung und Entwicklung erstmals auch steuerlich. Dafür hat sich der Bundeswirtschaftsminister stark eingesetzt. Beim „Dürfen“ geht es um Regulierung und gesetzliche Grundlagen. Wir unterstützen daher Reallabore, die es ermöglichen, dass neue Technologien und Geschäftsmodelle auch dann unter realen Bedingungen erprobt werden können, wenn sie vom geltenden Recht noch nicht richtig erfasst sind. Anders lässt sich das disruptive Potenzial mancher digitaler Innovation gar nicht realisieren.

Welchen Beitrag können Start-ups für die Industrie 4.0 leisten und was ist zu tun, damit dies noch besser gelingt?

Start-ups spielen für die Industrie eine wichtige Rolle, sie fungieren quasi als Zulieferer für die Digitalisierung: Ihre Ideen für neue Produktionsverfahren oder Geschäftsmodelle werden häufig von Mittelständlern oder Konzernen aufgegriffen. So profitieren beide Seiten voneinander. Damit das noch besser klappt, brauchen wir in Deutschland auch Integratoren, also Unternehmen, die Start-ups kaufen. Anders als amerikanische Unternehmen, die das im großen Stil tun, sind deutsche Unternehmen zuweilen sehr zögerlich – und dann schlagen andere zu und erfolgreiche Start-ups verlassen Deutschland. Ich würde mir wünschen, dass insbesondere Dax-Unternehmen hier beherzter agieren.

Das Interview führte Martin Schmitz-Kuhl