MERCEDES-BENZ AG
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08.04.2020 Publikation 103 0

Consumer Electronics Show: Die totale Vernetzung

Ein „Avatar“-Mobil von Daimler, Geräte zum Gedankenlesen, digital aufgerüstete Pampers-Windeln: Die Consumer Electronics Show in Las Vegas war ein kunterbunter Jahrmarkt der Ideen. Sie spiegelte die großen Technologietrends wider und lieferte reichlich Kuriositäten. Deutsche Start-ups waren kaum vertreten.  

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Chefredakteurin VDE dialog
The Sero

Handy-Videos und Social-Media-Inhalte hochkant auf dem TV-Gerät: Der kippbare Bildschirm des Samsung „The Sero“ machts möglich.

| SAMSUNG (O.)

Was haben der Konsumgütergigant Procter & Gamble, die Fluglinie Delta Air Lines und der Landmaschinenhersteller John Deere gemeinsam? Sie alle haben sich kürzlich auf der CES in Las Vegas prominent in Szene gesetzt. Das mag erstaunen. Das „E“ im Namen der Messe steht schließlich für Elektronik, und traditionell lagen die Schwerpunkte auf Produkten wie Fernsehern oder Computern. Aber die rasant voranschreitende Digitalisierung lässt heute kaum noch eine Industrie unberührt. Immer mehr Unternehmen, die aus der analogen Welt kommen, versuchen sich darauf einzustellen, indem sie ihre Identität und ihren Aktionsradius neu definieren. Und so hat das Tech-Spektakel in der amerikanischen Glücksspielmetropole eine viel breitere Relevanz bekommen und ist zu einem bunten Tummelplatz für Unternehmen aus den verschiedensten Branchen geworden. Procter & Gamble hat auf der CES seine Marke Pampers ins digitale Zeitalter gebracht: mit einem Sensor, der an den Windeln befestigt wird und in Verbindung mit einer Kamera und einer Smartphone-App Informationen über das Schlafverhalten von Babys liefert. Landmaschinenhersteller John Deere präsentierte in der Sonderschau für Künstliche Intelligenz und Robotik eine monströse selbstfahrende Feldspritze. Delta besetzte einen der prominenten „Keynote“-Redner­plätze und sprach über eine Zukunft, in der Passagiere auf einer Smart­phone-App ihre Sitze mit einem virtuellen Augmented-Reality-Gang durch das Flugzeug wählen können.

Es ist nicht zuletzt diese Vielfalt, die das Großereignis um einiges spannender gemacht hat. Womöglich hat sie die Messe sogar gerettet und vor einem ähnlichen Schicksal wie das der Computermesse Cebit in Hannover bewahrt, die 2018 eingestellt wurde. Als die CES 1967 erstmals stattfand, staunten die Besucher noch über Transistorradios, Stereoanlagen und Schwarz-Weiß-Fernseher, später hatten hier Geräte wie Videorekorder oder CD-Spieler ihre Premiere. Neben der klassischen Unterhaltungselektronik etablierte sich im Laufe der Zeit Informationstechnologie als weiterer Schwerpunkt, Unternehmen wie Microsoft und Intel zeigten sich mit großen Ständen. Als sich Microsoft vor einigen Jahren als Aussteller zurückzog, gab es Diskussionen, ob die CES noch eine Zukunft hat. Stattdessen hat es die Messe aber verstanden, vom Digitalisierungstrend zu profitieren und sich damit neu zu erfinden. Wie sehr sie sich gewandelt hat, demonstrierte diesmal der Sony-Konzern, der schon im Gründungsjahr als Aussteller dabei war. Die Japaner sprachen nicht nur über angestammte Geschäfte wie neue Fernseher oder die kommende Generation der ­Videospielekonsole PlayStation. Sie verblüfften das Publikum auch mit dem Prototypen eines Elektroautos. Ob das Fahrzeug je in Serie produziert wird, ist fraglich, das Unternehmen beschrieb es eher als eine Vision, wie diverse Technologien im Auto der Zukunft eingesetzt werden könnten. Aber ohne Zweifel sorgte Sony damit für einen Knalleffekt.

Pflichttermin für Automobilisten und Digitalisten

Gedankenübertragung 4.0: Am Hinterkopf angebracht, nimmt Nextmind Signale der Nervenzellen auf und setzt sie in Computerbefehle um.

| NEXTMIND

Allgemein sind Autos zu einem zen­tralen Thema auf der CES geworden. Für viele Hersteller ist die Messe heute ein Pflichttermin. Hier demonstrieren sie, dass sie Zukunftsthemen wie Vernetzung, Elektromobilität und autonomes Fahren besetzen. Das hat dazu geführt, dass die bislang fast direkt im Anschluss stattfindende Automesse in Detroit in den Schatten gestellt wurde. Gerade deutsche Hersteller haben sich den Branchentreff zuletzt gespart. Die Veranstalter in Detroit haben sich gezwungen gesehen, den Termin in diesem Jahr auf den Juni zu verlegen. Auch die IAA in Frankfurt litt zunehmend unter dem großen Einfluss der CES und sucht gerade mit neuem Konzept und Standort nach einer neuen Identität. In Las Vegas hat diesmal Daimler mit dem vom Science-Fiction-Film „Avatar“ inspirierten Konzeptauto „Vision AVTR“ für einen der spektakulärsten Momente gesorgt. An der Entwicklung war das Produktionsstudio von Hollywood-Regisseur James Cameron beteiligt, der auch selbst mit dem Daimler-Vorstandschef Ola ­Källenius auf der Bühne stand. Das Elektro­auto hat kein herkömmliches Lenkrad, sondern ein Steuerungselement in der Mittelkonsole, das aktiviert wird, wenn der Fahrer seine Hand darauflegt. Der Wagen soll in der Lage sein, den Fahrer an der Atmung zu erkennen. Passagiere sollen das Geschehen im Auto bestimmen können, indem sie ihre Hand heben, auf die dann ein Computermenü projiziert wird. Die Batterie besteht nach Daimler-Angaben aus kompostierbaren und vollständig recycelbaren Materialien. Ihrer Technologie liege graphenbasierte, organische Zellchemie zugrunde und sie sei frei von seltenen Erden und Metallen. Die Sitze seien aus veganem Leder, der Boden aus schnell nachwachsendem Holz. Källenius sagte, sein Unternehmen wolle mit dem Auto ein Zeichen für „nachhaltige Mobilität“ setzen. Das Modell ist freilich auf absehbare Zeit nicht auf den Straßen zu erwarten. Daimler selbst beschreibt es als Vision für Mobilität „in der entfernten Zukunft“. Andere Ankündigungen aus der Branche scheinen näher an der Wirklichkeit zu sein. Der junge chinesische Tesla-Herausforderer Byton, dessen Designstudio in München ist, brachte den „M-Byte“ nach Las Vegas, ein vollelektrisches und digital aufgerüstetes Cross­over-Modell, das in diesem Jahr in China und 2021 in Europa auf den Markt kommen soll.

Wenn sich etwas auf der CES wie ein roter Faden durch die Veranstaltung zog, dann war es die Botschaft, dass der Alltag immer vernetzter wird. Die hier vorgestellten Autos sind dafür ein Beispiel ebenso wie der Umstand, dass Unternehmen aus so vielen Branchen vor Ort waren.

Jagd auf den gutsituierten Verbraucher

Die Vernetzung nimmt bisweilen kuriose Züge an, beispielsweise gab es eine Badematte zu sehen, die mit einer Smartphone-App verknüpft ist, oder eine 10.000 Dollar teure, intelligente Toilette. Aber es ist auch deutlich geworden, dass Digitalisierung auf einigen Gebieten eine wertvolle Hilfe sein kann, etwa wenn es um Produkte rund um Gesundheit und Wohlbefinden geht. So gab es in Las Vegas viele Neuheiten zu sehen, die auf ältere Menschen abzielen, zum Beispiel ein Sensorensystem des Unternehmens Caregiver, das feststellen kann, wenn jemand fällt. Auffällig war auch die an Haustierbesitzer gerichtete Produktpalette, darunter eine intelligente Katzentoilette von Lulupet, die auf etwaige gesundheitliche Störungen von Katzen hinweisen kann.

Die traditionelle Unterhaltungselektronik mag in jüngster Zeit auf der CES etwas in den Hintergrund gerückt sein. Aber gerade die Fernsehhersteller verstehen es noch immer, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. LG gelang das im vergangenen Jahr mit einem Gerät, das sich aufrollen lässt. Diesmal war der drehbare Fernseher „The Sero“ von Samsung eines der am meisten fotografierten Produkte. Er kann vom gewohnten horizontalen in ein vertikales Format rotieren und mit Smartphones verbunden werden. Er ist dazu gedacht, Smartphone-Videos aus sozialen Netzwerken wie Instagram oder Tiktok auf dem Großbildschirm darzustellen. Samsung zeigte auch eine neue, nochmals größere Version seines Riesenfernsehers „The Wall“ mit einer Diagonale von 292 Zoll. Das ist freilich ein Nischenprodukt: Nach Angaben von Samsung wird es vor allem in Firmenzentralen eingebaut – oder auf  Yachten.

Aus deutscher Sicht waren es vor allem etablierte Konzerne, die diesmal in Las Vegas auffielen. Neben Daimler mit dem „Avatar“-Mobil zeigte auch Bosch Flagge, zum Beispiel mit einer digitalen Sonnenblende, die das Autofahren sicherer machen soll. Sie hat einen transparenten LCD-Bildschirm, auf dem mithilfe von Algorithmen und einer Kamera immer nur der Teil verdunkelt wird, durch den der Fahrer geblendet würde. Was auf der CES allerdings fehlte, war eine wahrnehm­bare Präsenz deutscher Start-ups. Ganz im Gegensatz dazu hatte Frankreich wie schon in vergangenen Jahren einen starken Auftritt und ließ mit etlichen interessanten Ideen aufhorchen. Etwa das Unternehmen Lexilight mit einer speziellen Leselampe für Legastheniker. Oder Nextmind mit einem Gerät, das es erlauben soll, Computer mit Gedanken zu steuern. Es wird am Hinterkopf angebracht und nimmt Signale auf, die in Computerbefehle umgewandelt werden, zum Beispiel für das Wechseln zwischen Internetseiten. Nextmind war eines von mehreren Unternehmen in Las Vegas aus diesem zukunftsträchtigen Gebiet, das „Brain Computer Interface“ oder „Brain Machine Interface“ genannt wird. Die schwache Präsenz der deutschen Start-up-Szene in Las Vegas wirkt wie eine verpasste Chance. Immerhin gibt es bereits eine neue Gelegenheit. Auf dem Digitalfestival South by Southwest in Austin im März präsentieren sich auch einige deutsche Start-ups.

Roland Lindner ist Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z. mit Sitz in New York.

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| LULUPET